Umgang mit Sorgenphantasien

Sorgenphantasien sind ein Sonderfall automatischer Gedanken


Es hat sich bewährt, an diese Phantasien drei Fragen zu stellen.




I.) Zunächst die Wahrscheinlichkeitsfrage:

Kann das, was ich befürchte, überhaupt passieren oder wie wahrscheinlich ist es, dass es passiert?

Wenn ich meine gesamte Erfahrung betrachte, welche Hinweise gibt es dann darauf, dass das passiert, was ich befürchte, oder spricht meine Erfahrung nicht eher dafür, dass etwas anderes, weniger Bedrohliches passieren wird?

Oft beruht meine feste Annahme, dass etwas Schlimmes oder das Schlimmste, was geschehen kann, passiert, darauf, dass ich einen Teil meiner Erfahrung ausblende.

Es kann zum Beispiel sein, dass ich befürchte, durch eine anstehende Prüfung zu fallen. Das liegt daran, dass ich gerade tatsächlich durch die letzte Prüfung gefalken bin. Was ich dabei leider übersehe, nicht berücksichtige, ist, dass es davor neun Prüfungen gab, die ich ohne große Schwierigkeiten bestanden habe. Das letzte Durchfallen liegt nur zeitlich näher, schiebt sich dadurch in den Vordergrund und verdeckt die positiven Erfahrungen. Was ich vergessen habe, ist die Tatsache, dass diese letzte Prüfung eine besonders schwere war, dass aber die jetzt anstehende nicht schwerer ist als die neun, die ich bestanden habe. Die Sorgenphantasie beruht also darauf, dass ich meinen Blick auf einen kleinen Teil meiner Erfahrung eingeschränkt habe. Wenn ich mein Bewusstsein wieder auf meine gesamte Erfahrung ausdehne, wird deutlich, dass meine Sorge recht unbegründet ist.

Das ist Gott sei Dank der Regelfall. Die meisten Sorgenphantasien sind unberechtigt.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass meine Katastrophenphantasie einmal Wirklichkeit wird.

Ich möchte dich, lieber Leser, noch mal an Churchills 97% erinnern.


Wenn ich herausgefunden habe, dass meine Sorgenphantasie mit großer Wahrscheinlichkeit nie zu einer wirklichen Erfahrung werden wird, muss ich mich entscheiden, mit dem Restrisiko zu leben. Wenn ich es nicht akzeptiere, gehe ich auf eine Straße, auf der ich nie ankomme.





Die Suche nach dem rot-weiß-grün gestreiften Schaf

Stellen Sie sich mal vor, Sie besitzen irgendwo in England eine Schafherde. Sorglos, unbekümmert und unbefangen hüten Sie mit viel Freude Ihre Schafe, gehen darin auf, sich liebevoll um jedes einzelne Tier zu kümmern, kennen auch jedes einzelne Schaf und rufen es mit seinem Namen, führen das einfache, selbstverständliche Leben eines Schäfers.

Doch eines Tages hören Sie ein Gerücht: Irgendwo auf der Welt soll es ein rot-weiß-grün gestreiftes Schaf geben, obwohl es noch nie jemand verlässlich gesehen hat, und wenn es dieses Schaf tatsächlich gäbe, dann stellte es eine enorme Seuchengefahr für alle Schafe dar. Um nun Ihre Schafe vor dieser drohenden Gefahr zu schützen, mache Sie es sich zur Aufgabe, dieses Schaf ausfindig und unschädlich zu machen. Sie geben Ihre Schafe- schon mit einem mulmigen Gefühl im Bauch- notgedrungen in die Hände eines anderen Schäfers, der den Ruf hat, sich nicht sehr liebe- und verantwortungsvoll um seine Schafe zu kümmern; es sind auch schon einige seiner Schafe eingegangen. Aber Sie setzen sich über das warnende Gefühl hinweg, fangen an, systematisch die Ihnen bekannten Schafherden aufzusuchen und bei jeder Herde zu kontrollieren, ob es das rot-weiß-grün gestreifte Schaf dort tatsächlich gibt. Zuerst „klappern“ Sie alle anderen Schafherden in England an, finden das rot-weiß-grün gestreifte Schaf nirgendwo. Dann setzen Sie über nach Irland, auch da finden Sie das gefährliche Schaf nicht. Von da reisen Sie alle Schafherden auf dem europäischen Festland ab, gehen weiter nach Australien, Neuseeland, Südafrika. Nirgendwo finden Sie das von Ihnen gesuchte Schaf. Inzwischen sind drei Jahre vergangen. Sie sind Top-Experte für alle Schafherden der Welt geworden, führen eine lückenlose Datei über alle bekannten Schafherden, haben auf einer großen Weltkarte jede Herde mit einer Stecknadel markiert. Zwischendurch haben Sie immer wieder traurige Nachrichten von ihrer eigenen Schafherde bekommen, haben gerade erfahren, dass wegen der nachlässigen Pflege und ungenügenden Sorgfalt des anderen Schäfers schon die Hälfte Ihrer Schafe eingegangen sind. An diesem Punkt ziehen Sie nun ein Resümee Ihrer bisherigen Suche: Es scheint sehr, sehr unwahrscheinlich zu sein, dass es das bedrohliche Schaf wirklich gibt. Aber Sie können es immer noch nicht mit Sicherheit ausschließen. Denn es gibt zwei Restrisiken. Sie haben gehört, irgendwo in Peru, hoch in den Anden, soll es einen alten Indianer geben. Den hat zwar schon 10 Jahre lang keiner mehr gesehen; aber wenn dieser alte Indianer noch am Leben sein sollte, könnte er auch noch drei Schafe haben. Und Sie haben außerdem gehört, irgendwo in Tibet, noch höher im Himalaya, soll es noch einen alten Eremiten geben; den hat schon 20 Jahre lang keiner mehr gesehen, der könnte, falls er noch lebt, auch noch ein Schaf haben.

Jetzt stehen Sie vor folgender Alternative: Sie können sich dafür entscheiden, nach Lima zu fliegen, eine Expedition auszurüsten, drei Wochen sich erst einmal an die Höhenlage zu gewöhnen, weil der alte Indianer, wenn er überhaupt noch lebt, auf 5000 Meter Höhe lebt; dann weitere drei Wochen bis hoch in die Anden zu ziehen, eventuell wirklich den alten Indianer zu finden, der vielleicht tatsächlich drei Schafe hat, und Sie sich überzeugen können, dass keines der drei Schafe das rot-weiß-grün gestreifte ist; danach können Sie nach Nepal fliegen, wieder eine Expedition ausrüsten, diesmal vier Wochen akklimatisieren, weil der alte Eremit, falls es ihn überhaupt noch gibt, noch höher lebt; weitere vier Wochen in den Himalaya zu ziehen, eventuell tatsächlich den alten Eremiten zu finden, der vielleicht wirklich ein Schaf hat, das offensichtlich nicht das rot-weiß-grün gestreifte ist. Und Sie wissen während dieser ganzen Wochen, dass Sie wieder einige Ihrer eigenen Schafe verlieren werden.

Oder Sie sagen sich an diesem Punkt: Jetzt ist Schluß. Ich entscheide mich hier und jetzt dafür, diese Suche zu beenden. Alle bekannten Schafe dieser Welt, viele Millionen an der Zahl, habe ich überprüft, und das rot-weiß-grün gestreifte Schaf war nicht darunter. Die Wahrscheinlichkeit, dass von diesen 4 Schafen, die es eventuell noch geben könnte, eines das rot-weiß-grün gestreifte ist, ist verschwindend gering. Und ich entscheide mich jetzt dafür, mit diesem Restrisiko einfach zu leben. Irgendwann muß ich es sowieso. Denn es ist ja nicht ausgeschlossen, dass der alte Einsiedler, nachdem ich ihn endlich gefunden habe, mir sagt: „Ja, ich habe dieses eine Schaf, und wie Sie sehen, ist es ein ganz gewöhnliches Weißes. Aber ich habe gehört, noch höher im Gebirge soll noch ein weitere Eremit leben; den hat schon 30 Jahre niemand mehr gesehen; der soll auch noch ein Schaf haben“. Es wird immer ein gewisses Restrisiko bleiben, das zwar immer geringer werden wird, aber sich nie ganz auflösen wird. Ich werde nie ganz sicher sein, dass es dieses Schaf und die von ihm ausgehende Gefahr nicht doch irgendwo gibt. Als ich mich auf den Weg machte, es mit Sicherheit auszuschließen, bin ich auf eine endlose Straße getreten, auf der ich nie ankommen werde. Und das Absurde und Paradoxe an dieser ganzen Suche ist ja Folgendes: Ich habe diesen ganzen Aufwand ja betrieben, um meine wirklichen Schafe gegen eines zu schützen, das mit großer Wahrscheinlichkeit überhaupt nicht existiert. Ich wollte sie gegen eine unwirkliche Gefahr schützen und habe sie gerade dadurch einer wirklichen Gefahr ausgesetzt. Ich wollte sie behalten und hab sie gerade dadurch verloren. Ich habe meine sichere Freude in der Gegenwart geopfert, weil ich irgendwann in der Zukunft ein Gespenst finden wollte. Ich habe die klare Erfahrung von Glück für eine zweifelhafte Phantasie aufgegeben. Zu lange habe ich schon das, was es wirklich gibt, für das geopfert, was mit großer Wahrscheinlichkeit gar nicht existiert. Diesen Weg werde ich jetzt nicht weitergehen. Ich werde umkehren, um noch das von meiner Wirklichkeit zu retten, was noch zu retten ist.




Die meisten Sorgenphantasien kann ich schon durch die Wahrscheinlichkeitsfrage auflösen, zur Ruhe und zum Abschluss bringen. Es gibt jedoch natürlich ungünstige Ereignisse, die mit großer Wahrscheinlichkeit passieren werden. Vor einigen Jahren brach einmal in Island ein Vulkan aus; die dabrei ausgeschleuderte Asche verdunkelte wochenlang den Himmel über ganz Europa, so dass der Flugverkehr lahm gelegt wurde. Wenn ich in dieser Zeit für morgen einen Flug nach Mallorca gebucht habe, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich die wochenlange Aschenwolke plötzlich bis morgen auflöst. Sehr wahrscheinlich kann der Flug nicht stattfinden und meine Sorgenphantasie wird tatsächlich Wirklichkeit werden.

In solchen Fällen kann ich jedoch eine andere Frage stellen:




Die Wichtigkeitsfrage

II.)

Ich kann die Wichtigkeitsfrage stellen: Wenn das tatsächlich passiert, worüber ich mir Sorgen mache, wie schlimm ist es denn dann wirklich?

Wir neigen manchmal dazu, nicht mehr zu unterscheiden zwischen Ereignissen, die nicht nett sind, wenn sie passieren, sondern ärgerlich und lästig, mit denen man aber trotzdem ganz gut leben kann, und Ereignissen, die wirklich schlimm sind, Katastrophen. Wenn etwas aus dem Boden sprießt, kann daraus ein 30 cm hohes Unkraut, ein Strauch von einem Meter Höhe oder ein Baum von 5 Metern werden. Das Unkraut stört mich vielleicht ein Bisschen; aber nur der Baum nimmt mir fast das ganze Licht im Wohnzimmer weg. Nur der Baum; das Unkraut nicht und auch der Strauch nicht.Wir neigen aber oft dazu, nicht mehr zwischen Unkraut, Strauch und Baum zu unterscheiden. Wir geben dann Ereignissen, die wir uns zwar nicht wünschen, von denen aber „die Welt nicht untergeht“, dieselbe Bedeutung wie Ereignissen, die einen schweren Verlust oder eine ernsthafte Gefahr bedeuten würden. Wir geben ihnen ein Gewicht, was sie nicht haben, reagieren dann mit denselben Gefühlen starker Anspannung, Sorge und Angst. Wir machen aus einem Lederball, der lästig bist, weil er wegrollt, der aber doch recht leicht mit einem Fuß zu bewegen ist, eine Bleikugel, die wir nur mühsam vor uns her rollen können.

Die folgende Übung ist eine Möglichkeit, diese verzerrte Sichtweise wieder zu korrigieren. Sie besteht aus zwei Schritten

Der erste Schritt besteht darin, den schlimmsten Fall durchspielen, den Mut zu haben, den sorgenvollen Gedanken mal zu Ende zu denken. Was kann denn schlimmstenfalls passieren?

Ich bin vor Kurzem mal geblitzt worden, mit etwa 80 Stundenkilometern, und ich wusste nicht mit Sicherheit, ob schon auf einer Strecke, auf der man nicht mehr als 70 fahren darf, oder noch da, wo man höchstens 50 fahren darf. Im ersten Fall brauchte ich mir gar keinen weiteren Gedanken zu machen. Das würde mich etwa 10 Euro Strafe kosten, nicht mehr. Doch was könnte schlimmstenfalls im zweiten Fall passieren. Dann wäre ich etwa 25-30 Kilometer zu schnell gefahren. Das würde mich dann mindestens 200 Euro kosten, und vielleicht einen Punkt in Flensburg. Aber mehr könnte nicht passieren. Ich würde auf keinen Fall für einen Monat oder länger den Führerschein verlieren. Dafür müsste ich schon eine rote Ampel überfahren oder mit 150 durch eine geschlossene Ortschaft rasen, und das hatte ich ja nicht getan.

Der zweite Schritt besteht dann darin, mir klar zu machen, wie schlimm das Schlimmste, was passieren kann, denn nun wirklich ist.

Stellen Sie sich mal eine Skala vor, mit Werten von 0 bis 100, eine Art von Thermometer. Der Skalenwert 0 entspricht einem Zustand, in dem Sie vollkommen glücklich sind, leben „wie Gott in Frankreich“. Der Skalenwert 100 entspricht den schlimmsten Katastrophen, die sie sich vorstellen können. Das ist für die meisten Menschen so etwas wie gelähmt sein, so dass sie nur noch die Augen bewegen können, oder im Wachkoma zu liegen, oder dass alle Menschen, die ihnen lieb und teuer sind, gemeinsam bei einem Flugzeugabsturz umkommen und sie mutterseelenallein auf der Welt zurückbleiben; oder dass die Mafia sie mit jemandem verwechselt, der Zwei Millionen Euro Spielschulden beim „Paten“ hat, jetzt hinter ihnen her ist, und sie jede Nacht unter einer anderen Brücke schlafen müssen, damit der Killer sie nicht erwischt. Das ist also der Skalenwert 100. Und dann fragen Sie sich mal, wie viel Prozent von einer solchen Katastrophe, welchen Skalenwert auf der Katastrophenskala hätte das Ereignis, über das Sie sich so schrecklich Sorgen machen. Ich habe diese Übung schon vielen Patienten vorgeschlagen. Bei den meisten ergab sich, dass sie sich um Ereignisse Sorgen machten, deren Skalenwert bei 3, 5 oder 10 Prozent „herumdümpelte“. Manchmal, wenn sich jemand ernsthaft Sorgen macht um etwas, was wirklich wichtig ist für sein Leben, von existentieller Bedeutung ist, dass sein Lebenspartner sehr wahrscheinlich an einer Krebserkrankung sterben wird oder dass er seine Arbeit, in der er sehr engagiert gelebt hat, verlieren könnte, höre ich Einschätzungen von 30- 50 %. Und diese Einschätzung kann ich normalerweise nachvollziehen und akzeptieren. Ganz selten kommt es vor, dass jemand das drohende Unheil als 60 oder 70 % der schlimmsten Katastrophe einschätzt. Und dann bin ich in den meisten Fällen so kühn, die Angemessenheit dieser Einschätzung in Frage zu stellen. Ich sage dann vielleicht etwa Folgendes: Stellen Sie die Frage doch mal von der anderen Seite! Was bleibt mir denn alles noch, doch noch, auch wenn mein Mann demnächst stirbt. Erst einmal: Sie selbst sterben nicht: Sie bleiben am Leben, im Leben, behalten Ihr Leben, landen selbst nicht im Sarg. Und Sie bleiben derselbe Mensch, mit all Ihren Fähigkeiten und Stärken, die Sie jetzt haben. Wenn ich meinen Partner verliere, verliere ich einen wichtigen Teil, vielleicht den wichtigsten Teil von dem, was ich habe. Aber ich verliere nicht das, was ich bin. Außerdem verlieren Sie dann zwar den Menschen, der für Sie am wichtigsten ist, aber Sie verlieren nicht alle wichtigen Menschen. Ihre Kinder, an denen Sie doch auch sehr hängen, bleiben Ihnen, Ihre alten, liebevollen ,gütigen Eltern'; Sie behalten die wenigen guten Freunde, Ihren reichen Bekanntenkreis; Sie erkranken nicht selbst an einer chronischen, unheilbaren Krankheit. Sie behalten Ihre Gesundheit, landen nicht im Krankenhaus. Sie behalten auch Ihre geistige Gesundheit, Ihren gesunden Menschenverstand, landen nicht in der Psychiatrie. Sie behalten auch Ihre Freiheit, landen nicht im Knast. Und auch das, was bei den meisten Menschen neben ihren Beziehungen die andere Hälfte ihres Lebensglücks ausmacht, ist durch den Tod Ihres Mannes gar nicht gefährdet: Sie behalten Ihre Arbeit, die Ihnen Spaß macht, die interessant und abwechslungsreich ist, durch die Sie persönlich lernen und wachsen können. Und da Sie ja noch jung sind, bleibt Ihnen auch die Möglichkeit, noch einmal einen neuen Partner zu finden, mit dem Sie glücklich zusammenleben können. Es gibt eine ganze Menge, die Ihnen bleibt, was Sie behalten. Und ist das alles nur so wenig wert, dass es nur 40 % Ihrer Lebensqualität ausmacht? Ist nicht das, was Ihnen bleibt, was gar nicbt gefährdet ist, insgesamt viel mehr als das, was Sie befürchten zu verlieren?

Ich habe hier ein extremes Beispiel ausgewählt, weil man an einem Extrem manchmal etwas besonders gut deutlich machen kann. In den meisten Fällen ist es viel einfacher. Bei dem oben aufgeführten Flug nach Mallorca ist es ziemlich eindeutig, dass davon der überwiegende Teil der Lebensqualität gar nicht betroffen ist.

In den meisten Fällen wird mir sehr schnell klar, dass das, was bedroht ist, nur 3, 5 oder 10% von dem ausmacht, was mir in meinem Leben wichtig ist.

Die Katastrophenskala gibt mir die Möglichkeit, meine Aufmerksamkeit zu verschieben von dem Wenigen, was ich vielleicht verliere, zu dem Vielen, was gar nicht gefährdet ist, was mir auf jeden Fall bleibt.

Es macht mir möglich, meine Blickrichtung zu verschieben von dem, was fehlt, zu dem, was ich alles bekommen habe und auch mit großer Wahrscheinlichkeit behalten kann.

Es macht mir möglich, die Angst in einer Haltung der Dankbarkeit aufzulösen


Der chinesische Bauer

Manchmal bietet es sich auch an, als erstes einmal folgende Frage zu stellen:

Kann ich überhaupt beurteilen, was dieses Ereignis, das ich befürchte, bedeutet

Vor ein paar Tagen kam ein Mann zu mir zum Vorgespräch, der sich Sorgen darüber machte, durch eine chronische Krankheit nicht mehr arbeitsfähig zu sein, erwerbsunfähig zu werden und dann seiner Familie, vor allem seinen Kindern, nicht mehr den materiellen Lebensstandard bieten zu können, den sie bisher gewohnt waren. Ich erzählte ihm folgende Geschichte:

„Im alten China lebte vor langer Zeit einmal ein Bauer. Es war Erntezeit, und seine einzige Hilfe bei der schwierigen Erntearbeit war sein Sohn und eine Stute. Die Ernte war gerade angefangen, da geschah es, dass der Sohn des Bauern, der etwas fahrlässig war, vergaß, das Gatter zur Wiese zu schließen, so dass die Stute fortlief und im nahen Wald verschwand.

Alle Nachbarn liefen zusammen und klagten: „ Was für ein Unglück! Was für ein Unglück!“ Doch der Bauer sagte nur: „Wir werden sehen.“

Zwei Tage später geschah es, dass die Stute aus dem Wald zurückgelaufen kam, aber nicht allein, sondern ihr folgte ein prächtiger Hengst. Die Stute lief auf die Wiese zurück, der Hengst hinterher, das Gatter wurde hinter den beiden Pferden geschlossen, und diesmal achtete jeder darauf, dass es auch verschlossen blieb.

Da kamen wieder alle Nachbarn und sagten: „Was für ein Glück! Was für ein Glück!“. Doch der Bauer sagte wieder nur: „Wir werden sehen.“

Wieder zwei Tage später geschah es, dass der Sohn des Bauern, der nicht nur etwas fahrlässig, sondern auch etwas leichtsinnig und übermütig war, versuchte, auf dem neuen wilden Hengst zu reiten. Das Pferd warf ihn aber sofort ab, er flog im hohen Bogen auf den harten Boden und brach sich dabei ein Bein. Mitten in der Erntezeit!

Da kamen wieder alle Nachbarn und sagten. „Was für ein Unglück, was für ein Unglück!“ Doch der Bauer sagte wieder nur: „Wir werden sehen.“

Wieder zwei Tage später kam ein Beamter des Kaisers in das Dorf. Es war Krieg ausgebrochen und alle wehrfähigen jungen Männer wurden - Erntezeit hin, Erntezeit her – zum Kriegsdienst eingezogen. Nur nicht der Sohn des Bauern, der mit gebrochenem Bein in der Scheune lag.“

Und dann fragte ich den Mann, von dem ich merkte, dass ihm der persönliche Kontakt zu seinen Kindern sehr wichtig war. „Sind Sie eigentlich sicher, dass es überhaupt ein Verlust für Ihre Kinder wäre, wenn Sie Ihre Arbeit verlieren würden? Vielleicht wäre es letztlich sogar ein Gewinn, weil Sie gerade dadurch, dass Sie keine Arbeit mehr hätten, etwas Anderes hätten, was vielen Vätern fehlt: Zeit, (für sie) da zu sein, sich um sie zu kümmern. Für die meisten Kinder ist materieller Lebensstandard eigentlich gar nicht wichtig. Für Kinder ist es wichtig, das Gefühl zu haben, dass der Vater da ist, wenn sie ihn brauchen, dass er zuhört, wenn sie eine Frage haben, statt sogar dann nicht da zu sein, wenn er da ist, weil sein Körper zwar da auf dem Sofa sitzt, sein Geist aber noch oder schon wieder bei seiner Arbeit ist.





Nun gibt es leider manchmal - Gott sei Dank nur selten - von mir befürchtete Ereignisse, die mit großer Wahrscheinlichkeit eintreten werden und die tatsächlich schlimm sind. Weder die Wahrscheinlichkeitsfrage noch die Wichtigkeitsfrage greifen hier noch. Wenn mir der Arzt sagt, dass ich wegen schwarzem Hautkrebs sehr wahrscheinlich nur noch ein halbes Jahr zu leben habe, dann ist das schlimm. Wenn ich mein Leben veröiere, verliere ich 100% meiner Lebensqualität. Aber auch in einer solchen extremen egativen Ausnahmesituation kann ich noch eine Frage stellen, eine Frage, die immer möglich ist, die sich auch immer lohnt.







Die Nützlichkeitsfrage

III.) Ich kann immer noch die Nützlichkeitsfrage stellen. Was das bedeutet, will ich Ihnen mit einer kleinen Geschichte verdeutlichen, die vielleicht in ähnlicher Form vor etwa 1000 Jahren tatsächlich geschehen ist:

Damals hatten sich für etwa 100 Jahre in Süditalien Sarazenen aus Nordafrika festgesetzt, die im Laufe dieses Zeitraums von den Christen immer mehr zurückgedrängt worden sind, bis auch der letzte Stützpunkt aufgegeben werden musste und das letzte Schiff nach Nordafrika zurücksegelte. Vielleicht ist es dabei irgendwann vorgekommen, dass ein Sarazenenheer auf einem Hügel lagerte, eingeschlossen von einer zehnfachen christlichen Übermacht. Und die Christen hätten auch schon den Hügel gestürmt und alle niedergemetzelt - denn Gefangene wurden bei Ungläubigen gar nicht erst gemacht -, wenn nicht die Nacht hereingebrochen wäre.

Einer dieser Sarazenen könnte in dieser Nacht natürlich etwa Folgendes gedacht haben:

„Morgen früh werden die Christen mich massakrieren. Fünf Minuten nach Sonnenaufgang werde ich schon mausetot sein. Unser kleiner Haufen hat doch überhaupt keine Chance. Die haben eine Übermacht von 10 zu 1. Die brauchen uns doch nur abschlachten. Außerdem sind sie auch noch viel besser bewaffnet. Morgen früh werde ich mausetot sein. Wir haben überhaupt keine Chance. Und wir sind schon halb verhungert und völlig erschöpft. Wir haben doch nicht einmal mehr Kraft, uns zu wehren. Wir fallen doch schon aus lauter Müdigkeit von selbst in die Schwerter dieser Christenhunde. Ich habe doch überhaupt keine Chance, morgen Abend noch am Leben zu sein. Und was wird dann aus meinen beiden Frauen und meinen fünf Kindern in Kairouan. Schon morgen früh werde ich nicht mehr am Leben sein. Schon morgen früh werden die Christen mich einfach abschlachten. .......“

Derartige Gedanken hat der Sarazene vielleicht gedacht - oder diese Gedanken haben sich in ihm gedacht; in ständiger Wiederholung immer wieder dieselben oder ähnliche Gedanken, wie schlimm und aussichtslos doch seine Situation ist, ohne Unterbrechung und die ganze Nacht hindurch bis zum tatsächlichen Angriff im Morgengrauen.

Es wäre allerdings dem Sarazenen zu wünschen, dass er statt dessen etwa Folgendes denkt:

„Helfen diese Gedanken mir eigentlich, zu überleben? Nein, ganz eindeutig nicht. Alles, was meine Überlebenschance erhöhen könnte, habe ich schon überlegt und getan. Ich habe überlegt, ob es vielleicht auf diesem Hügel irgendeine Stelle gibt, wo ich mich etwas besser schützen kann. Ich habe dann den Hügel abgesucht, ob es irgendwo einen Felsen oder Baum gibt, hinter dem ich mich verstecken kann oder der mir wenigstens den Rücken frei hält. Oder ob der Hügel auf einer Seite steiler ist, so dass die Christen nicht so leicht hochstürmen können. Es gibt hier keinen Baum und keinen Felsen. Der Hügel ist auf der anderen Seite etwas steiler. Da werde ich mich morgen hinstellen. Mehr Möglichkeiten, meine Überlebenschancen zu erhöhen, gibt es nicht. Auch wenn ich die ganze Nacht darüber nachdenken würde, ich würde keine finden. Es gibt hier nichts mehr zu denken und zu tun. Wenn ich jetzt weiter denke, beschäftige ich mich nur damit, wie schlimm und aussichtslos die Lage ist, die sich durch dieses Nachdenken nicht verbessert. Im Gegenteil: Wenn ich überhaupt eine Chance haben will, diesen Christenhunden morgen lebend zu entkommen, muß ich wach und ausgeruht sein, und das bin ich nicht, wenn ich die ganze Nacht mit diesen sinnlosen Gedanken verschwende.

Außerdem, gerade weil das sehr wahrscheinlich meine letzte Nacht ist, werde ich sie auf keinen Fall damit verbringen, mich mit diesen Gedanken zu quälen, so dass diese Selbstquälerei das letzte ist , was ich erlebe. Sondern ich werde diese letzten Stunden meines Lebens noch einmal mit so viel Lebensqualität füllen, wie möglich ist. Ich schnappe mir noch mal meine Gitarre, spiele noch mal meine Lieblingslieder, denke noch mal an meine Frauen und Kinder in Kairouan, aber nicht in dem Sinne, dass ich mir Sorgen mache, was aus ihnen wird. Die muß ich mir auch gar nicht machen, denn bei uns Arabern ist es ja üblich, dass , wenn ein Bruder stirbt, seine Familie von einem seiner Brüder übernommen wird, so dass sie versorgt ist. Ich denke noch mal an all das Schöne, was ich mit ihnen erlebt habe, und dann leg ich mich hin und schlafe, um morgen möglichst fit und ausgeruht zu sein.“

Wenn der Sarazene so denkt, wendet er die Nützlichkeitsfrage an: Helfen mir diese Gedanken, Lebensqualität in mein Leben zu bringen, sowohl zukünftige als auch gegenwärtige. Und die Antwort ist in beiden Fällen ausgesprochen negativ. Die zukünftige Lebensqualität besteht in dieser Extremsituation zunächst mal im Überleben. Und für das Überleben ist diese Beschäftigung mit der Ausweglosigkeit der Lage nicht nur nutzlos, sondern sogar schädlich. Dadurch, dass er sich mit dem beschäftigt, was er befürchtet, wendet er es nicht ab, schützt sich dagegen, sondern macht es noch wahrscheinlicher, dass es eintritt Die sowieso fast aussichtslose Situation wird noch aussichtsloser.

Für die gegenwärtige Lebensqualität sind die Sorgenphantasien genau so schädlich, nämlich Selbstquälerei. Das gilt eigentlich für alle Sorgenphantasien in allen Situationen. Sorgenphantasien trüben immer die gegenwärtige Lebensqualität. Das fällt uns in vielen Lebenssituationen nur nicht auf; wir ignorieren es, nehmen es nicht wichtig. In dieser Extremsituation bekommt diese Trübung der gegenwärtigen Lebensqualität scheinbar eine besondere Bedeutung dadurch, dass es wahrscheinlich die letzte Qualität sein wird, die er erlebt, weil es die letzten Stunden sind, die er lebt. Wenn man genauer hinsieht, bemerkt man, dass wir eigentlich immer in den letzten Stunden, Minuten, Sekunden unseres Lebens leben. Wir leben, erleben, erfahren immer nur die Gegenwart, in der Gegenwart. Die Vergangenheit und Zukunft können wir uns nur vorstellen, wir können über sie nach-denken oder für sie vor-denken, aber erleben und erfahren können wir sie nicht. Der gegenwärtige Augenblick ist gewissermaßen die einzige Zeit, der einzige Zeitpunkt, in dem wir wirklich leben. Und er ist auch das Einzige, was wir sicher wissen. Wenn wir eine Sorgenphantasie „pflegen“, ohne sie zu überprüfen, geben wir die Lebensqualität, die wir jetzt sicher haben, auf, um zukünftige Lebensqualität sicher zu machen. Obwohl sie vielleicht gar nicht gefährdet ist oder gar nicht sicher gemacht werden kann. Wir opfern die Gegenwart für die Zukunft.