Shankara auf der Palme


Der große Philosoph Shankara war der Begründer des Advaita-Vedanta („Ende des Wissens ohne ein Zweites“). Er lehrte, dass die Wirklichkeit eine fugenlose und nachbarnlose Einheit sei, in der Unterschiede nur scheinbar existieren. Zu seinen Schülern gehörte auch der König des Landes, in dem Shankara lebte. Der wunderte sich manchmal über die selbstverständliche Gewissheit, mit der Shankara alle einzelnen Wesen und Dinge zu Illusionen erklärte, auch die Unterschiede, die dem König so wichtig waren, ohne die er sich sein Leben gar nicht vorstellen konnte: von reich und arm, zwischen mächtigem Herrscher und gehorsamem Untertan, worauf ja das Gefühl des Königs beruhte, eine besondere, herausragende Stellung unter den Menschen zu haben. Und weil er glaubte, in einer Welt ohne Unterschiede nicht leben zu können, glaubte er auch nicht, dass Shankara wirklich ernsthaft glaubte, dass die wahre Wirklichkeit elne unteilbare Ganzheit sei. Er beschloss, seinen Lehrer auf die Probe zu stellen: Als Shankara wie jeden Morgen einen Spaziergang durch den Palmenhain in der Nähe des Palastes unternahm, sorgte er dafür, dass ein wilder Elefant losgelassen wurde und - scheinbar außer Kontrolle geraten - auf den Philosophen zugestürmt kam. Als Shankara das merkte, kletterte er mit einer Behendigkeit und Geschwindigkeit, die man einem weltfremden Gelehrten gar nicht zugetraut hätte, auf die nächste Palme, wartete gelassen ab, bis der Elefant sich wieder beruhigt hatte und weiter trottete, stieg dann langsam von der Palme und setzte schließlich seinen Spaziergang fort, als ob nichts Wichtiges geschehen wäre.

Dem König war natürlich sofort berichtet worden, was geschehen war. Und als Shankara am Nachmittag so wie an jedem anderen Tag ihn im Palast aufsuchte, um ihn in den heiligen Schriften der alten Weisen zu unterrichten, begrüßte er ihn spöttisch lächelnd mit folgenden Worten: „Nun, mein hochverehrter Lehrer: wenn es doch nur das fugenlose Eine gibt, das keine Einzelwesen kennt, wenn dieser Elefant heute morgen doch gar nicht wirklich war, warum bist du denn dann vor dem unwirklichen Elefanten auf die Palme geflüchtet?“ Ohne auch nur im Geringsten durch diese Frage verunsichert zu sein, antwortete Skankara: „Du hast Recht, edler König: Der Elefant ist wirklich unwirklich - und deshalb unwichtig. Und da der Elefant unwirklich und unwichtig ist, ist auch unwirklich und unwichtig, dass ich auf die Palme geklettert bin, dass man dir davon erzählt hat, dass du mir jetzt diese Frage stellst und ich dir darauf jetzt antworte.“



Dieser Geschichte kann man ja eine doppelte Deutung geben, aus ihr zwei verschiedene Botschaften herauslesen, und in den Kommentaren zu ihr gibt es auch tatsächlich zwei ganz unterschiedliche Interpretationsrichtungen:

Die einen Kommentatoren sagen: Shankara hat mit seiner Antwort eindeutig Recht. Es gibt nur das Eine ohne ein Zweites. Und wenn der König das mit seiner Frage in Frage stellt, dann zeigt er damit nur, dass er als Schüler noch nicht weit genug fortgeschritten ist, so dass der Meister in seiner Antwort ihn weiter belehren, seine verengte Sichtweise erweitern muss. Der König hat einfach noch nicht verstanden, dass alles, wirklich alles, nur das unteilbare Eine ist, dass alles einzelne, was getan wird und geschieht, auch alle einzelnen Wesen, nur verschiedene Erscheinungsformen dieses Einen zu einem bestimmten Zeitpunkt sind, ohne überdauernde Substanz und daher auch ohne bleibende Bedeutung. Es gibt nur das Eine ohne ein Zweites. Die Wirklichkeit ist nicht-dualistisch. Hier endet der Weg.

Andere Kommentatoren weisen darauf hin, dass Shankara mit seiner Antwort und auch der König mit seiner Frage Recht haben.

Man kann die Realität als eine Einheit ohne Unterschiede sehen. Dann kann man auch in einer Gefahr ruhig und gelassen bleiben. Doch man kann in dieser Einheit ohne Unterschiede nicht handeln. In der Welt, in der wir handeln, gibt es den Unterschied, von einem Elefanten niedergetrampelt zu werden oder sich auf eine Palme zu retten. Man muss diesen Unterschied nicht wichtig nehmen. Ein Selbstmörder tut es nicht, ein Buddha vielleicht auch nicht. Doch wenn man ihn aus irgendwelchen Gründen wichtig nimmt, muss man entschlossen auf die Palme klettern.

Man kann einen Baumstamm von allen Seiten ansehen, finden, dass alle diese Seiten, die ja ohne trennende Grenzlinien ineinander übergehen, gleich schön und gleich bedeutend, gleich gültig sind, dass alle Seiten zu demselben, einen Baum gehören.

Aber wenn man den Baum fällen will, kann man, muss man nur auf einer Seite die Säge ansetzen.

Die ganze Wirklichkeit ist anscheinend durch eine einzige Sichtweise nicht zu erfassen, auch nicht durch die ja alles umfassende, alles vereinheitlichende nicht-dualistische. Man muss zwei verschiedene Perspektiven sich ergänzend zusammenfügen: die nicht-dualistische Wahrheit der „Einheit ohne ein Zweites“, die man als die wahre Wirklichkeit erkennen kann, und die dualistische Welt der Verschiedenheit, die uns zum Handeln einlädt und auffordert, zum Unter-Scheiden, Urteilen und Ent-Scheiden.

Es ist teilweise möglich, diese beiden Wirklichkeiten ineinanderzuschieben, sie in einer Wirklichkeit zusammenfallen zu lassen. Das wird in einigen Gedichten ja aufgezeigt. Doch das geht nicht immer. Man muss beide Perspektiven nebeneinander im Bewusstsein halten, zwischen ihnen hin und her wechseln, sie trennen und verbinden. Shankara konnte das. Deshalb ist er auf die unwirklich wirkliche Palme geklettert.

Viele spirituelle Traditionen, u. A. der Zen-Buddhismus, betonen, dass man bei der nicht-dualistischen Sichtweise nicht stehen bleiben soll, nicht in ihr stecken bleiben darf.

Die folgenden Gedichte weisen deshalb über die nicht-dualistische Erfahrung hinaus. Sie sind nicht-dualistisch dualistisch.


Die „Weg-Gedichte“ gehen selber einen Weg:

von dualistischen persönlichen Gedichten am Anfang

über paradoxe nicht-dualistische, über-persönliche Gedichte

zu den paradoxen nicht-paradoxen, nicht-dualistisch dualistischen, über-persönlich persönlichen Gedichten am Schluss.


Zuerst ist der Berg ein Berg.

Dann ist der Berg kein Berg, Nicht-Berg.

Zuletzt ist der Berg kein Berg und Berg.









Augen des Universums


Ich bin ein Auge für das Universum -

nicht weniger und auch nicht mehr.

Du bist ein Auge für das Universum -

nicht mehr und auch nicht weniger.


Dadurch, dass du das Ganze siehst,

dadurch, dass ich das Ganze seh’,

dadurch, dass wir es beide sehen,

dass wir es miteinander teilen,

dass du das Eine siehst durch mich,

dass ich das Eine seh’ durch dich,

dass ich die Ganzheit seh’ in dir,

dass du die Ganzheit siehst in mir,

dass du durch mich dich selber siehst,

dass ich durch dich mich selber seh’,

kann sich das Welten-Eins-Sein seh’ n.


Durch uns gemeinsam sieht das Weltenganze.

Durch unseren Einklang kann es sich selbst seh’ n.







Zu viel - zu wenig


In Neugier ist etwas zu viel.

In der Neugier ist auch Gier.


In Sehnsucht ist etwas zu viel.

In der Sehnsucht ist auch Sucht.


In der Neugier, in der Sehnsucht,

diene ich nicht Gott allein.

Ich dien’ auch einem Götzen.


Im einen Ganzen ist jedoch etwas zu wenig -

ohne die Neugier mit der Gier,

ohne die Sehnsucht mit der Sucht.

Der eine Gott, er ist nicht ganz

ohne die vielen Götzen.


Zuerst muss ich mich lösen von dem Zwang,

zu dienen Götzen, die ich mir gewählt.


Wenn ich dann frei von falschen Göttern bin,

wenn ich zum wahren Gott gefunden hab’,

dann kann ich unbe-fangen, unge-zwungen spielen,

gelassen, heiter, un-schuldig und unbe-schwert,

auch mit der großen Schar der Götzen,

weil sie nicht länger meine Götzen,

sondern, die Gott gehören, sind.


Dann kann ich Neugier sein, die ohne Gier ist,

und Leidenschaft, die nicht mehr Leiden schafft.


Dann hab’ ich das Zu-viel erlöst,

und bin jetzt dennoch kein Zu-wenig,

sondern das volle mängelfreie,

zugleich mangellose Sein.




Kommentar:

Diese Zeilen führen vom Land der Zwei in das Land der Eins, über das Land der Eins hinaus ins Land der Drei:

Vom Kampf zwischen Götzendienst und Gottesdienst -
über das Finden Gottes durch Loslassen der Götzen -
zur Einheit, die Gott und Götzen umfasst, in der auch die Götzen ihren (sinnvollen) Platz in Gott haben.











Eins, zwei, drei


Nur was einzig ist, ist einfach.

Was zweifach da ist, zwei mal da ist,

führt zu Zweifel, zu Entzweiung,

führt zu Zwiespalt und zu Zwietracht.


Du machst etwas nur einfach,

wenn du es einfach machst -

ohne Zweifel,

ohne Zwiespalt,

ohne Zwietracht.





Liebe ist,

wenn Wahrnehmen und Handeln eins sind.

(Kenjiro Yoshigasaki)





Kommentar:


„Die Zwei ist keine göttliche Zahl.“ (Rudolf Steiner)

Sie ist die Zahl der Erde, nicht des Himmels.

Die Zwei zeigt das, was gegenüber sitzt - den Gegensatz.

Die Zwei zeigt das, was gegenübersteht - den Gegenstand.


Eins und Drei sind „göttliche Zahlen“.

Sie sind Zahlen des Himmels, nicht der Erde.

Die Eins zeigt das, was durch sich selber in sich selber für sich selber ist.

Die Drei zeigt das, was ineinander, miteinander, füreinander ist.


Geh ruhig durch die Zwei!

Und bleib’ nicht in ihr steh’ n!

Geh' aus ihr raus zur Eins.

Und bleibe dort nicht steh' n!

Geh mit der Zwei zur Drei!














Antwort ohne Fragen


Stelle keine Fragen!

Suche nicht, um zu finden!


Es gibt keine Antwort auf Fragen.

Du kannst nicht finden, solange du suchst.


Antworte, ohne zu fragen!

Finde, ohne zu suchen!


Lebe eine Antwort

(oder lebe eine Antwort):

Ja !!!





Kommentar:

(Jakob, der Sohn des Zebedäus, und Jesus, Marias Sohn aus Nazareth, sehen bestürzt auf die verheerenden Wirkungen der Überschwemmung, die die Ernte vernichtet hat. Jakob:)

„Weshalb hat Gott das getan? Was hat das Volk ihm gegenüber verbrochen? Ich begreife es nicht. Begreifst du es, Marias Sohn?“

„Frage nicht, Bruder, das ist Sünde. Bis vorgestern habe auch ich gefragt, jetzt habe ich verstanden. Sie ist die Schlange, die die ersten Menschen verführte, und Gott vertrieb uns aus dem Paradies.“

„Welche ,sie’?“

„Die Frage.“

(Nikos Kazantzakis, Die letzte Versuchung)




Das ist die eine Hälfte der Wahrheit:

Suchen führt nicht zum Finden. Suchen verhindert das Finden.

Fragen führen zu keiner Antwort. Fragen verstellen die Antwort, verschleiern die Antwort,

so dass ich das Offen-Sichtliche nicht mehr sehen kann.

Suchen bedeutet, dass man das Vor-gefundene verliert, jetzt suchen muss und es nicht wieder-finden kann.

Suchen und Fragen bedeutet, dass man sich selbst aus dem Paradies vertreibt.

Das Paradies, das ist das Buch, in dem es nur Ausrufezeichen gibt, keine Fragezeichen.

Das Paradies, das ist das Land, in dem es nur einen einfachen Weg gibt,

nicht Wege, die sich teilen, trennen, scheiden.

Wo es keine Frage gibt: Bin ich bisher den richtigen Weg gegangen?

Wo es auch nicht die Frage gibt: Soll ich jetzt den linken oder rechten Weg wählen?

Wo es nur den einen Weg gibt, der mit Sicherheit zum vorgegebenen Ziel führt;

Wo es keine Antwort auf die Frage gibt, weil es die Frage gar nicht erst gibt;

Wo ich mich nicht ent-scheiden muss, mich nicht einmal entscheiden kann,

weil es keinen Weg gibt, der sich scheidet;

Wo ich den Weg nicht suchen muss, weil es nur den einen Weg gibt, den ich gehe.

Wo ich ihn auch gar nicht verlieren kann, nicht von ihm abweichen kann.

„Der Weg, von dem man abweichen kann, ist nicht der Wahre Weg.“ (Ken Wilber)

Ich kann jedoch vergessen, dass ich den Weg gefunden habe.

Ich kann vergessen, dass ich auf dem Weg bin.

Dann suche ich den Weg, auf dem ich gehe.

Und selbst dann, wenn ich den Weg suche, auf dem ich ja laufe,

bin ich immer noch auf dem einen einzigen Weg.

Ich bleibe auf dem Weg, selbst wenn ich es nicht mehr weiß.







Das Paradies, in dem es nur den einen Weg gibt, der sich nicht scheidet, der mit Sicherheit zum vorgegebenen Ziel führt, das ist z. B. ein Labyrinth.

„Aber warum das denn, Adolfo?“, wirst du, lieber Leser, an dieser Stelle vielleicht fragen. „In einem Labyrinth gibt es doch jede Menge Möglichkeiten, falsche Wege zu gehen, sich zu verlaufen. Deshalb ist der Gang durch ein Labyrinth doch kein selbstverständliches Finden, sondern ein oft zähes, ermüdendes Suchen, Ausprobieren durch Versuch und Irrtum, ein ständiger Wechsel von Hoffnung und Enttäuschung.“

„Ja, lieber Leser, du verwechselst ein Labyrinth mit einem Irrgarten. In einem Irrgarten gibt es tatsächlich immer wieder Verzweigungen, die Wahl zwischen mehreren möglichen Wegen, und man kann an diesen Stellen, wo sich der eine Weg scheidet, nicht mit Sicherheit unter-scheiden, welcher Weg weiterführt und welcher als Sackgasse endet. Man hat keine ein-fache, ein-deutige Gewissheit, statt dessen Zwei-fel und Unsicherheit, ist in einer „Krise“. ( Das Wort bedeutet im Griechischen Trennung, Scheidung, Unter-Scheidung.) Man muss sich blind ent-scheiden, erst durch Erproben im Handeln wird irgendwann der Zweifel wieder zu Gewissheit aufgelöst.

Ein wirkliches Labyrinth aber ist ein Weg, der zwar verwirrend ist, in vielen unüberschaubaren Schlingen ver-läuft, der aber keine Abzweigungen hat. Man kann sich nicht verirren. Es gibt nur einen einzigen Weg, der mit Sicherheit zum Ziel führt. Wenn man einmal die wenigen einfachen Regeln verstanden hat, nach denen man gehen muss, und sich dann an diese Regeln hält, kann man nicht mehr in die Irre gehen. Man muss nur ein Gebot befolgen: Vorwärts gehen, immer weiter. Und man muss ein paar Verbote beachten: man darf nicht rückwärts gehen, endgültig stehen bleiben und die Trennlinie überschreiten, die eine Schleife des Labyrinths von den benachbarten trennt. Wenn man so vor-geht, dann muss man die nächste Stelle, auf die man den Fuß setzt, nicht suchen. Man findet sie einfach, sie ergibt sich zwangsläufig, von selbst, ohne Wahl. Und man kommt mit Sicherheit ans Ziel, in die Mitte des Labyrinths. “

Probiere es doch selbst aus, lieber Leser, indem du auf dem Titelblatt dem Weg durch das Labyrinth mit den Augen oder dem Finger folgst!

Es ist übrigens interessant, dass der erste Irrgarten in Europa erst zu Beginn der Neuzeit auftaucht.

Im Mittelalter gab es nur Labyrinthe, z. B. die berühmten Kirchenlabyrinthe in einigen gotischen Kathedralen Frankreichs (Chartres, Amiens).



Und das ist die andere Hälfte der Wahrheit:

„Suchet, und ihr werdet finden! Klopfet an, und das Tor wird euch geöffnet!“ (Matthäus 7,7 )


Als der Großmeister des Aikido, Koichi Tohei, einen hochrangigen Schüler für längere Zeit nach Europa schickte, um die dortigen Dojos zu betreuen, gab er ihm folgenden Leitspruch mit auf den Weg:

Es gibt eine Frage, die du nicht vergessen, nie vergessen solltest!

Was ist der Sinn und Zweck meines Lebens?“


Und (zum mit dem Suchen eng verwandten Streben):

„Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ (Goethes Faust)

Und die letzten Worte Buddhas sind: „Strebet ohne Unterlass!“


„Von allem, was mit Worten gesagt werden kann, ist auch das Gegenteil wahr.“ (H. Hesse )

Erst beide Hälften zusammen bilden die ganze Wahrheit, in der die scheinbaren Widersprüche aufgehoben sind, die Gegensätze zusammenfallen.







Ja und Nein


Sag’ manchmal „ja“!

Sag’ manchmal „nein“!

Sag’ manchmal „jein“!

Sag’ manchmal nichts!

(auf eine falsche Frage)


Sage „ja und“!

Manchmal auch „ja und nein"!

Doch sage nicht „ja, aber“!



Kommentar:

PS: Frage: Was ist denn, wenn ich nicht „ja“ sagen kann?

Antwort: Dann sage einfach „nein“ und komm, sobald es möglich ist, zum „Ja“-Sagen zurück!

Sage „ja“ zu deinem „Nein“-Sagen! Und sage „ja“ auch zu dem „Nein“ Anderer!

Das „Ja“-Sagen schließt auch sein Gegenteil ein.

Ärgere dich nicht über deinen Ärger! Akzeptiere, dass du nicht akzeptierst! „Umarme deine Wut!“ (Thich Nhat Hanh)

Wenn du zu etwas, zu jemandem „nein“ sagen musst, liegt das vielleicht daran, dass du zu etwas anderem, einem Anderen oder zu dir selbst „ja“ sagen willst.

Vielleicht musst du an einem Ort „nein“ sagen, weil du an einem anderen Ort „ja“ sagen willst oder du dort schon „ja“ gesagt hast. Du kannst nicht wählen, ohne anderes nicht zu wählen.

Das „Nein“-Sagen ist der Schatten, den das Licht des „Ja“-Sagens mit Notwendigkeit wirft. Nimm dann das „Ja“-Sagen wichtig! Wichtig ist das Licht, nicht der Schatten. Nimm wichtig, dass du etwas wichtig nimmst, etwas willst, etwas wählst! Nimm nicht wichtig, dass du damit etwas anderes nicht wichtig nehmen, nicht wollen, nicht wählen kannst!

Und oft musst du gar nicht mehr „nein“ sagen, wenn du klar „Ja“ gesagt hast. Wenn du klar gesagt hast, was du willst, musst du oft gar nicht mehr sagen, was du nicht willst.

Wenn du klar und eindeutig sagst, dass du nach Spanien willst, musst du nicht mehr sagen, dass du nicht nach Schweden willst. Du wirst gar nicht erst, gar nicht mehr gefragt: „Willst du mit mir nach Schweden?“











Mitte der Mitte



Mitte ist,

sich weder zu ekeln noch sich zu sehnen,

weder etwas zu erhoffen noch etwas zu befürchten.

sich weder unsichtbar noch unübersehbar zu machen,

sich weder zurückzuhalten noch sich aufzudrängen,

weder sich größer zu machen noch sich kleiner zu machen

weder zurückzuweichen noch vorwärts zu drängen,

weder reden zu müssen noch schweigen zu müssen;



Und Mitte ist,

sowohl reden zu können als auch schweigen zu können;

sowohl nach innen zu sehen als auch nach außen,

sowohl sich selbst zu lieben als auch den Anderen,

sowohl getrennt zu sein als auch verbunden,

sowohl zu bleiben, der man ist, als auch ein Anderer zu werden.

sowohl einen Namen zu haben als auch namenlos zu sein.;



Und Mitte ist,

zu gehen, ohne zu gehen,

zu suchen, ohne zu suchen,

zu handeln, ohne zu handeln,

zu wissen, ohne zu wissen,

zu urteilen, ohne zu urteilen.



Und Mitte ist,

zu gehen, indem ich stehe,

zu suchen, indem ich finde,

zu antworten, indem ich frage,

zu schlafen, indem ich wache,

zu sein, indem ich werde.



Die Mitte der Mitte ist:

manchmal zu geh’ n, manchmal zu steh’ n,

manchmal nicht-gehend zu geh’ n, nicht-stehend zu steh’ n,

manchmal gehend zu steh’ n und stehend zu geh’ n,

manchmal nicht zu geh’ n, auch nicht zu steh’ n.






Nicht für, nicht gegen


Ich bin niemand, der Späße macht,

bin auch kein Spaßverderber.

Ich habe einfach Spaß.


Ich mach' nichts für und mach' nichts gegen etwas:

Ich mache gar nichts, weder für noch gegen.

Ich bin nur einfach da für das, was da ist,

und lass' geschehen, was geschehen will,

getan durch mich und ohne mich getan.


Ich geh nicht hin zu dem, was ich mir wünsche,

was ich erhoffe und ersehn' .

Ich geh nicht weg von dem, was ich nicht wünsche,

dem, was ich hasse und befürchte

Weil ich nichts hoffe, weil ich auch nichts hasse,

bin ich nur einfach da, wo ich gerade bin,

bin frei von allem, frei zu allem,

bin.






Kommentar:



In die Zeilen der mittleren Strophe ist die Bhagavad Gita eingeflossen, das großartige Lehrgedicht, in dem Krishna seinem Freund und Schüler Arjuna in einmaliger Weisheitsdichte das Wissen vom „rechten Handeln“, das gleichzeitig Nicht-Handeln ist, vom selbst-losen, ego-freien Handeln für das Wohl des Universums verkündet.

„...der große Krishna lehrt (ihn), dass der Mensch erst weise wird, sich erst verbindet mit dem Göttlich-Unvergänglichen, wenn er seine Taten verrichtet, weil die Taten im äußeren Verlauf der Natur- und Menschheitsentwicklung sich als notwendig ergeben, dass aber der Weise sich loslösen muss von diesen Taten. Er tut die Taten, doch etwas ist in ihm, was zugleich wie ein Zuschauer ist gegenüber diesen Taten, was keinen Anteil nimmt an ihnen, was da sagt: ich tue das Werk, aber ich könnte ebenso gut sagen, ich lasse es geschehen.“

(Rudolf Steiner, Die Bhagavad Gita und die Paulusbriefe)




Das Ego will be-kommen.

Das Ego will weiter-kommen.

Das Ich ist immer schon ange-kommen.

Das Ich will die Welt weiter-bringen.



Zu der dritten Strophe angeregt hat mich der Spruch, den Nikos Kazantzakis auf sein Grab gesetzt hat:

Ich hoffe nichts.

Ich fürchte nichts.

Ich bin frei.





Und:

Es gibt einen Schritt, der über diese gleich-gültige All-parteilichkeit, die alles als gleich gültig, gleich-wertig ansieht, hinausführt.

Er schließt auch die Parteilichkeit mit ein in die All-Parteilichkeit.

Er dehnt die All-Parteilichkeit sogar auf die Parteilichkeit aus:






Ich habe keine Vorlieben.

Ich bin weder für noch gegen etwas.

Das ist der vollkommene Weg.

Und ich habe Vorlieben.

(z. B. dafür, mich auf eine Palme zu retten, anstatt von einem wilden Elefanten zertrampelt zu werden)

Ich habe keine Vorlieben und Vorlieben.

Ich bin weder für noch gegen Vorlieben.

Das ist der unvollkommen vollkommene,

vollkommen unvollkommene Weg.

(frei nach Genpo Merzel Roshi, Big mind )







Tun und Nicht-Tun


Ich bin, was jetzt da ist.

Ich bin, was jetzt geschieht.


Ich bin, was ich tue,

was erst durch mich jetzt da ist,

was jetzt durch mich geschieht.


und


Ich bin, was ich nicht tue,

was ohne mich schon da ist,

was ohne mich geschieht.


Ich bin Tun

und

ich bin Nicht-Tun,

bin Tun und Da-Sein-Lassen.


und


Ich bin auch Tun im Nicht-Tun,

auch im Nicht-Tun Tun.

denn im Tun ist Lassen,

und im Lassen Tun.


und



Ich bin auch weder Tun noch Nicht-Tun,

bin ohne etwas, das geschieht,

weil nichts geschieht -

weder durch mich, noch ohne mich.





Kommentar:


He who in action sees inaction

and in inaction sees action

is wise among men.

He is united,

he has accomplished all action.


Wer im Handeln Nicht-Handeln sieht

und im Nicht-Handeln Handeln,

ist weise unter den Menschen.

Er lebt in der Einheit,

er hat alles Handeln voll-endet.

(Bhagavad-Gita IV, 18)




Der Himmel tut nichts.

Dieses Nichts-Tun ist Würde.

Die Erde tut nichts.

Dieses Nichts-Tun ist Ruhe.

Aus der Vereinigung dieser beider Nichts-Tun

beginnt alles Tun.

Und alle Dinge entstehen.

(Chuang Tzu)






Das Gedicht ist so aufgebaut, dass es das Gegensatzpaar von Tun und Nicht-Tun in den vier Aussagen verknüpft, die möglich sind:

Ich bin Tun.

Ich bin Nicht-Tun.

Ich bin sowohl Tun als auch Nicht-Tun.

Ich bin weder Tun noch Nicht-Tun.

Nagarjuna, der große Philosoph des Mahayana-Buddhismus, würde vielleicht beweisen, dass alle vier Aussagen in sich widersprüchlich sind und deshalb nicht aufrechterhalten werden können.
Er hat uns ja gezeigt - lange vor Hermann Hesse:
Alles, was mit Worten gesagt werden kann, ist einseitig.






Im Theater


Bin ich vielleicht ein Zuschauer,

der unbeteiligt vor der Bühne sitzt,

der keine Rolle in dem Stück spielt?


Bin ich vielleicht ein Schauspieler,

der auf der Bühne hin und her geht ,

der seine Rolle spielt im Stück?


Bin ich vielleicht der Regisseur,

der keine Rolle in dem Stück hat,

der jedoch - vor der Bühne sitzend -

von außen doch ins Stück eingreift,

bestimmt, was auf der Bühne läuft?


Bin ich vielleicht zufällig im Theater,

wenn niemand vor der Bühne sitzt,

wenn niemand auf der Bühne läuft,

es gar kein Stück gibt, das gespielt wird?






Kein Grund


Wenn du etwas lassen kannst,

lass es! Tu etwas anderes!

Tu das, was du auf keinen Fall lassen kannst!

(nach „Wolkenatlas“)


Du brauchst keinen Grund,

um zu gehen,

wenn du keinen (mehr) hast,

um zu bleiben.

(Ina Müller)



und


Es gibt keinen Ort,

wo du einen Grund hast,

nicht zu bleiben.

Und es gibt keinen Ort,

wo du einen Grund hast,

nicht zu gehen.


Das, was in diesem Augenblick schon ist,

und das, was da sein wird im nächsten,

sie stehen beide nicht auf festem Grund.

Deshalb gibt es auch keinen Grund,

zu gehen, nicht zu bleiben,

zu bleiben, nicht zu gehen.


Das, was schon ist

und das, was sein wird,

sie haben beide keinen sicheren Grund,

nicht in sich selbst

und nicht in Anderem.


Das ist der Grund,

weshalb es keinen Grund gibt,

nur, was jetzt ist, nicht auch, was sein wird,

nur das, was sein wird, nicht auch das, was ist,

zu lieben.




Kommentar:


Ich kann wählen,

aus-zu-wählen,

was ich wirklich will,

was ich mit ganzem Herzen will;

ab-zu-wählen,

was ich nicht (mehr) wirklich will,

was ich nicht (mehr) mit ganzem Herzen will.


Und


Ich kann wählen,

nicht zu wählen,

zu wählen,

dass ich immer das will,

was jetzt da ist,

dass ich immer das will,

was beim nächsten Schritt

( nicht nach dem nächsten Schritt! )

da sein wird.




Wenn du die Sicht wählst, dass es Gründe gibt,

Gründe, zu geh’ n, Gründe, zu bleiben,

dann wähle doch die richtigen Gründe aus!


Bleib’ nicht nur deshalb, weil du Angst hast,

Angst vor dem Gehen und vor dem,

was dir begegnet, wenn du gehst,

dich da erwartet, wo du ankommst.

Es ist kein Grund, aus Angst zu bleiben.

Bleib hier, weil hier mehr da ist von dem,

was dir gefällt, was du dir wünschst,

dem, was du liebst und was dir gut tut!

Bleib nicht aus Angst, bleib wegen Lebensfülle!

Deshalb zu bleiben ist der richtige Grund.


Und gehe nicht, weil du von dem weg willst, was hier ist,

dich etwas stört, dir etwas fehlt!

Geh dorthin, weil dort noch mehr da ist von dem,

was dir gefällt, was du dir wünschst,

dem was du liebst und was dir gut tut!

Geh nicht vom Mangel weg, geh hin zur Fülle!

Deshalb zu gehen ist der richtige Grund.







Der Spiegel


Vor vielen Jahren

sah ich in den Spiegel

und suchte,

was ich sah,

hinter dem Spiegel.


Später

sah ich in den Spiegel,

suchte nichts,

fand nur, was ich sah,

im Spiegel.


Jetzt

seh’ ich in den Spiegel

und suche eine Antwort auf die Frage?

Was spiegelt sich,

wenn ich nicht reinschau,

wenn keiner reinschaut,

im Spiegel?









Nach allen Wegen



Wenn alle Wege gegangen sind,

sieht man vielleicht,

dass jeder gehbar und lohnenswert ist,


oder


dass keiner gehbar und lohnenswert ist,


oder


dass jeder und keiner

gehbar und lohnenswert ist.



Kommentar:

Auf dem Pilgerweg nach Santiago trat ich einmal in eine Kirche. Mein Blick fiel auf ein Plakat:

„Estás siempre a mi camino.“ (Du bist immer auf meinem Weg.)

Auf allen Wegen bin ich auf dem Weg, der zum einen, gemeinsamen Ziel führt.


Und

Jeder Weg bedeutet: ich suche im Dschungel den Ochsen, der zu Hause im Stall steht. Solange ich ihn suche, kann ich ihn nicht finden.

In einer alten Sufi-Geschichte fährt eines Tages der scheinbare Dorfnarr ganz hektisch mit seinem Fahrrad durch das Dorf, hin und her, kreuz und quer. Die Dorfleute fragen ihn: „Was suchst du denn so unruhig und friedlos?“ Er antwortet: „Ich suche mein Fahrrad.“

Jeder Weg bedeutet: Ich suche die Schuhe, mit denen ich laufe.






Ankommen – immer und nie



Komme immer an!

Und

Komme nie an!


Fange immer an, aufzuhören!

Höre immer auf, anzufangen!


Und


Höre nie auf, anzufangen!

Fange nie an, aufzuhören!


Sei schon auf dem Weg am Ziel!

Bleib noch am Ziel auf dem Weg!






Alles Mögliche, wirklich geschrieben



Es ist nicht wichtig, wer angefangen hat

(mit einem Streit, mit einem Unsinn).

Wichtig ist, dass irgendwer

wieder aufhört.



Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

Wir sitzen alle im Glashaus.

Wir sollten alle nicht mit Steinen werfen.



Ich habe nicht etwas zu tun.

Ich habe, was ich tue.



Wenn ich frei von dem bin,

was nicht da ist,

bin ich frei für das,

was jetzt da ist.



Vielleicht kann man nicht zum Wesentlichen vordringen.

Vielleicht kann man sich nur ins Wesentliche fallen lassen.



Als ich anfing, eine Rolle zu spielen,

fing ich an, eine Rolle zu spielen.


Wenn ich etwas besitze,

besetzt das Etwas mich.



Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt.

(Werbespruch der Volksbank)

Leider - und - Gott sei Dank!



Werner von Siemens sagte einmal:

„Für augenblicklichen Gewinn verkaufe ich nicht die Zukunft.“

Ich füge hinzu:

"Für Zukunft verkaufe ich nicht augenblicklichen Gewinn."




Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos.

Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.



Sinn ist auch Sinnlichkeit.

Nur Sinnlichkeit macht keinen Sinn.



Achtsam sein bedeutet:

etwas achten, sehen, dass etwas stimmt,

wie etwas stimmt.

Achtsam sein bedeutet nicht:

auf etwas achten,

aufpassen, ob etwas stimmt.



Halte dich immer an eine Regel:

Rege dich nicht über Kleinigkeiten auf!

Halte dich meistens an eine zweite:

Es gibt nur Kleinigkeiten!


Schon wenn man den eigenen Teller leer isst,

sollte man sehen,

dass man auch von anderen Tellern essen könnte.

Erst wenn man den eigenen Teller leer gegessen hat,

sollte man tatsächlich von einem anderen Teller essen.




Der einsame Gedanke,

die fest-geschriebene Zeile

können nur,

müssen immer wieder

erlöst werden

durch das gesprochene Wort.






In der Spirale


Wir sind jetzt, lieber Leser, an das Ende des Weges gelangt, den wir gemeinsam gegangen sind. Wege, die zwei Wesen, durch ihre Körper zugleich verbunden und getrennt, zusammen gehen, miteinander und nebeneinander, fangen irgendwann an und hören deshalb auch irgendwann auf. Sie gehören in das Reich der Zeit, das Grenzen hat.

Jeder von uns wird dann wieder auf seinem eigenen Weg sein, allein, von anderen Wesen getrennt, mit anderen Wesen verbunden, wird im Land der Zeit auf Wegen gehen und im Land der Nicht-Zeit einfach da sein, im Land der Drei auf dem WEG, der nie angefangen hat und nie aufhört, der immer anfängt und immer aufhört.

Doch die Gedichte, die wir gemeinsam durchschritten haben, werden Orte sein, an denen wir verbunden waren, an denen wir uns auch wieder verbinden können, verbunden bleiben können.

Bevor sich jedoch (erst einmal) unsere Wege trennen, möchte ich dich, lieber Leser, noch mal auf einen hohen Berg führen und begleiten (im Land der Drei gibt es neben dem Nicht-Führen, Nicht-Folgen natürlich auch wieder das Führen aus dem Land der Zwei ), von dem aus wir das ganze Reich der Drei überschauen können, in einen Text von Andrew Cohen aus seinem Buch „Himmel und Erde umarmen“:

„Was ist die Herrlichkeit Gottes? Was ist der bestimmende Ausdruck von dem, das alles transzendiert und doch einschließt?

Die Herrlichkeit Gottes ist die vernichtende Erkenntnis, dass alles immer vollkommen ist. Die Herrlichkeit Gottes ist die allen Dingen zu allen Zeiten an allen Orten und unter allen Umständen innewohnende Vollkommenheit. Sogar Erdbeben, Krankheiten und blutige Schlachten - das alles ist auch die Herrlichkeit Gottes. Die allen Dingen, so wie sie sind, innewohnende Vollkommenheit ist die Herrlichkeit Gottes. Aus einem absoluten Blickwinkel sieht das Auge des Selbst nämlich nur Gott und macht keinerlei Unterschied. Himmel und Hölle, Gut und Böse, das Bekannte und das Unbekannte, das Gesehene und das Ungesehene werden alle nur als verschiedene Ausdrucksformen des einen unvorstellbaren Mysteriums jenseits von Name und Form erkannt. Jenseits aller Gegensatzpaare gibt es nur die Herrlichkeit Gottes - nur absolut unvergleichliche Vollkommenheit.

Vor Zeit und Raum, bevor das Universum geboren war, gab es nichts. Dann plötzlich kam aus dem Nichts etwas. Es gab eine Explosion, und was wir alle in diesem Moment sind - Sie und mich eingeschlossen - ist diese sich bewegende Explosion. Diese sich bewegende Explosion ist ein strahlendes Wesen - bewusst, ganz und ungeteilt.

Erleuchtung ist die direkte Erkenntnis des eigenen wahren Gesichts als kein anderes als dieses strahlende Wesen - bewusst, ganz und ungeteilt. Und es ist die Erkenntnis der ausgesprochen vollständigen und immer vollkommenen Natur dieses wahren Gesichts, die das Gefühl der Individualität von dem hypnotischen Griff der Gleichsetzung mit dem Ego-Bewusstsein befreit.

Aber Erleuchtung bedeutet mehr als die befreiende Entdeckung der Vollkommenheit, die der absoluten oder nichtdualen Natur aller Dinge innewohnt. Und das ist das Erscheinen einer machtvollen Aufforderung zur Evolution. Als aus dem Nichts heraus etwas hervorkam und die sich bewegende Explosion, die das ganze Leben ist, entstand, wurde ein beständiger Zustand des Werdens geboren. In der spirituellen Offenbarung wird dieser Augenblick als ein unpersönlicher Befehl des Selbst erfahren, zu transzendieren, sich zu entwickeln, diese Welt gründlich zu transformieren, damit sie ein dynamischer, lebendiger Ausdruck der Vollkommenheit werden kann, die sie bereits ist. Diese spirituell begründete Leidenschaft, die aus dem Selbst entspringt, entfesselt das Feuer absoluter Liebe und Ego-widerstebenden Mitgefühls für diese Welt und ist eine Kraft, mit der immer gerechnet werden muss. Ihr unaufhörliches Verlangen ist Evolution und ihr greifbarer Ausdruck, Ordnung aus Unordnung zu erschaffen. Die grenzenlose Kreativität dieses evolutionären Impulses strebt danach, immer höhere Formen geheimnisvoller Ganzheit und Einheitlichkeit hervorzubringen. Dieser Ruf nach Transzendenz und Entfaltung, der in der spirituellen Offenbarung erfahren wird, ist der unerbittliche Schrei des Absoluten, der allen, die ein Ohr zu hören und Augen zu sehen haben, ein Zeichen gibt, sich von ganzem Herzen um dieser evolutionären Forderung willen hinzugeben.

Die unaufhörliche Forderung, sich zu entwickeln, ist auch die Herrlichkeit Gottes. Und das größte Paradoxon ist, dass diese Herrlichkeit beides ist, der strahlende, immer volle und vollständige, immer vollkommene Grund von allem, was ist, und die eigentliche Grundlage und Substanz jener sich bewegenden Explosion, die danach strebt, immer höhere Formen geheimnisvoller Ganzheit und Einheitlichkeit hervorzubringen.

Erleuchtung ist dann die direkte Erkenntnis der dualen Natur der Herrlichkeit Gottes als die allen Dingen innewohnende Vollkommenheit und die beständige Aufforderung zur Evolution. In dieser Erkenntnis liegt nicht nur die Befreiung aus dem hypnotischen Griff des Ego-Bewusstseins, sie bringt auch eine ekstatische Bewegung von Energie, die nur auftritt, wenn man sich dem schöpferischen Prinzip unterwirft. Das Wertvolle am menschlichen Leben ist unser heiliges Potenzial, die Herrlichkeit in unserem Herzen und Geist zu erleben und dadurch ihr bewusstes Instrument zu werden.“




„Im Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott.“ (Joh 1, 1)

Der SOHN ist seit Uranfang in der Vollkommenheit des VATERS.

Ich komme immer an.


Und


„Im Anfang war das Wort. Und das Wort war auf Gott zu.“

Der SOHN ist seit Uranfang in einer ewigen, nie endenden Bewegung zu der Vollkommenheit des VATERS.

Ich komme nie an.

(der griech. Ausdruck „pròs tòn theón“ lässt beide Deutungen zu!)


Die ganze Herrlichkeit Gottes, die ganze Wirklichkeit, ist das Reich der Drei, das Reich der Nicht-Zeit und Zeit, das Land der Nicht-Wege und Wege.


Im Land der Wege sind wir ja schon am Anfang gewesen, von dort sind wir aufgebrochen, und jetzt kommen wir dahin wieder zurück, wo wir begonnen haben. Doch auf dem Weg, den wir gegangen sind, haben wir eine ganze Welt dazugewonnen.

Gewissermaßen sind wir im Kreis gelaufen, so, wie es T. S. Elliot empfohlen hat:

„Wir sollten nicht mit dem Forschen aufhören. Und am Ende unseres Forschens werden wir dort ankommen, wo wir angefangen haben, und diesen Ort zum ersten Mal kennen.“

Nur, wer in der Rose die Nicht-Rose sehen kann, sieht die wirkliche Rose.

Doch dieser Weg, er war nicht wirklich ein Kreis. Unser Weg war eine spiralenförmige Rampe, bei der die Windungen genau übereinander liegen. (Wenn man senkrecht von oben darauf guckt, sieht man nur einen Kreis). Wir stehen wieder an derselben Stelle, jedoch eine Stufe höher.

Die Spirale ver-eint die Qualitäten des ewig in sich ruhenden Kreises und der sich ewig bewegenden, aus der Unendlichkeit kommenden und in die Unendlichkeit gehenden Geraden. Alles wiederholt sich in „ewiger Wiederkehr“ (Nietzsche), alles ist von Anfang an schon da, doch diese Wiederkehr schreitet doch voran, erhebt sich auf immer höhere Stufen. In der Spirale kommen wir immer an, sind immer schon angekommen, und wir kommen nie an, gehen immer weiter.