Auf der Brücke


Wir stehen jetzt auf der Brücke. Ich möchte gerne mit dir, lieber Leser, hier etwas verweilen. Denn von hier aus können wir beide Ufer überschauen, beide ganz verschiedenen Länder, und können in diesem Überblick gut erfassen, worin denn nun diese Unterschiedlichkeit besteht:


Die bisherigen Gedichte befassen sich mit bestimmten Erfahrungen bestimmter Menschen in Beziehung zu anderen bestimmten Menschen, die getrennt von ihnen mit anderem Bewusstsein in anderen Körpern leben. In dieser Perspektive bin ich vielleicht dankbar, weil ich auf ein erfülltes Leben zurückblicke, dankbar für die Erfahrungen, die ich als einzigartiges Individuum auf einem einmaligen Weg allein und im Kontakt mit anderen einzigartigen Individuen machen durfte.

Die Gedichte, die noch vor uns liegen, befassen sich mit jeder Erfahrung jedes Menschen in Beziehung zum Ganzen, mit dem er letztlich eins ist. Jeder kann sagen: „Ich atme. Das ist genug.“ Jeder zu jeder Zeit, in jedem Lebensalter und in jeder Situation. In dieser Perspektive bin ich dem Universum (einschließlich meiner selbst und aller anderen Menschen) dankbar dafür, dass es so ist, wie es ist, Gott dankbar dafür, dass er so ist, wie er ist.

Das Gedicht „Alles getan, alles gescheh’ n“ z. B. beschreibt die persönliche Erfahrung eines Menschen, die erst im Alter möglich ist - und zwar nur dann, wenn man „ganz-herzig“ ein engagiertes Leben geführt hat: Alles ist gesagt und getan. Es gibt nichts zu bereuen. Man geht noch weiter, aber mit Ruhe, im Frieden.

Das Gedicht „Einfach so“, auf das ich jetzt schon mal vorgreife, ist eine allgemein-menschliche Entsprechung dazu: Durch eine Vision ist der Unterschied von Gegenwart und Zukunft aufgehoben. Die Zukunft ist schon jetzt. Diese Erfahrung ist jedem Menschen möglich, unabhängig davon, wie er bisher gelebt hat, und in jedem Lebensalter. Weil ich weiß, dass ich schon mit 40, 30 oder auch schon mit 20 Jahren am Ziel bin, kann ich meine Füße mit ruhiger Gelassenheit (und sicherer Entschlossenheit!) in den nächsten Schritt gleiten lassen. Einfach so.

Auf dem diesseitigen Ufer des Flusses gibt es Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in der Zeit und getrennte Wesen im Raum. „Ich gehe den Weg, den nur ich gehen kann.“

Auf dem jenseitigen Ufer gibt es nur die Gegenwart außerhalb der Zeit, die Nicht-Zeit (die Zeit gibt es nicht mehr), und mit dem Ganzen und zum Ganzen vereinte Wesen im Raum. „Ehe Abraham ward, bin ich.“ (Joh8,58) „Ich und der Vater sind eins.“ (Joh10,30 ).

In den beiden Ländern, die durch den Fluss getrennt werden, gibt es also ganz unterschiedliche Welten, grundsätzlich andere Wirklichkeitskonstruktionen. Die Welt auf der einen Seite ist eine persönliche, in der eine Vielfalt von Wesen nebeneinander und miteinander (leider auch oft gegeneinander) leben. Sie ist durch die Zahl Zwei bestimmt, ist dualistisch. Die Welt auf der anderen Seite ist über-persönlich (nicht un-persönlich!). Sie ist bestimmt durch die Zahl Eins, die Einheit, ist nicht-dualistisch. Und die Gedichte, die durch beide Welten führen, beschreiben deshalb ganz unterschiedliche Erfahrungen mit unterschiedlichen Zielen:

Das Ideal, der zentrale Wert in den bisherigen Gedichten, ist Selbst-Verwirklichung. Es geht in ihnen um wesentliche Grundaspekte der persönlichen Erfahrung wie Freiheit, Selbstverantwortung, Autonomie und Verbundenheit. Sie sind bestimmt durch die Perspektive der einmaligen Person, die ihr eigenes Leben bewusst selbst wollend, mit Eigen-Willen wählend selbst bestimmt, verbunden mit und getrennt von anderen einzelnen, einzigartigen Personen. Diese Gedichte sind existentiell.

Das Ziel, der grundlegende Wert der noch kommenden Gedichte ist dagegen Gott- oder Seins-Verwirklichung. Sie sind spirituell.


Blicken wir noch mal zurück auf das Gedicht „Freiheit“, auf die letzten Strophen des Kommentars, wo wir schon mal auf einer Brücke über den Grenzstrom standen:

Bei der Selbst-Verwirklichung geht es darum, keinem anderen Willen, nur dem eigenen Willen zu folgen und anderen ihren eigenen Willen zu lassen.

„Alles Lebendige ist ein Gehorchendes.
Dem wird befohlen, der nicht sich selbst gehorchen kann.“ (Nietzsche).

Das ist Selbst-Verwirklichung.

Bei der Gott-Verwirklichung geht es darum, keinem eigenen Willen, nur noch einem anderen Willen, dem Willen Gottes zu folgen. Doch der andere Wille ist gar kein anderer mehr, nicht mehr der Wille eines Anderen. Der eigene Wille ist eins geworden mit dem Willen Gottes.

„Vater, nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe!“ (Jeschua der Messias in Gethsemane)

Das ist Gott-Verwirklichung.


Das eine Land ist also persönlich, dualistisch, existentiell.

Das andere Land ist über-persönlich, nicht-dualistisch, spirituell.

(Diese Unterscheidung teile ich mit einigen bekannten spirituellen Autoren, z. B mit Ken Wilber. Ich teile Sie dir, lieber Leser, nur mit. Du musst sie selbstverständlich nicht mit mir teilen.)


Ich glaube, lieber Leser, wir haben uns jetzt genug noch einmal beide Länder in der Zusammenschau angesehen. Wir können jetzt, wenn du willst, gemeinsam über die Brücke gehen und in das Land eintreten, in dem die Nicht-Zeit gilt, in dem die Wege weglos sind.



PS:

Gewissermaßen ist das Bild, über eine Brücke in ein anderes Land zu gehen, irreführend.

Es gibt eigentlich keinen Grenzfluss, der zwei Ufer trennt.

Wir bleiben eigentlich da, wo wir sind, in dem selben Land.

Wir sehen es nur anders.

Wir setzen uns eine neue Brille auf, die alle Gegenstände durchsichtig macht.

Schon während wir unseren Weg durch die Zeit gehen, leben wir die ganze Zeit in der Nicht-Zeit.









Ich will sehen


Ich will sehen -

ohne Ab-Sicht,

ohne An-Sicht.

Mit einer Absicht

kann ich nicht mehr unbefangen sehen.

Mit einer Ansicht

kann ich nicht mehr offen alles sehen.

Ich will sehen, um zu sehen -

frei von jeder Richtung,

frei in jede Richtung.


Ich will nur eine Ein-Sicht,

die alles das, was da ist,

im klaren Licht durch-sichtig macht,

und eine Über-Sicht und Um-Sicht,

die nichts auslässt, die nichts weglässt,

mich nichts über-sehen lässt.

Ich will einfach sehen:

Das, was hier ist,

das, was jetzt ist,

so, wie es wirklich ist.










Aufhören, zu warten

Höre auf, zu warten!

Höre auf, darauf zu warten, dass etwas aufhört!

zu warten, dass jemand aufhört!

zu warten, dass etwas anfängt!

zu warten, dass jemand anfängt!

zu warten, von hier weg zu kommen!

zu warten, nach dort hin zu kommen!

zu warten, dass etwas weg geht!

zu warten, dass jemand weg geht!

zu warten, dass etwas kommt!

zu warten, dass jemand kommt!


und höre auch auf, darauf zu warten,

dass das Warten aufhört!


Kommentar:

Wenn ich aufhöre, zu warten,

liebe ich, was ist.

Wenn ich liebe, was ist,

höre ich auf, zu warten.


Als Maharishi Mahesh Yogi zum „Mann der Hoffnung 19xy“ gewählt worden war, sagte er: „Ich bin gekommen, um Schluss zu machen mit der Hoffnung.“


Leben ist keine Generalprobe für eine Premiere.

Leben ist eine Premiere ohne Generalprobe.







Ich atme. Das ist genug.



Ich atme.

Das ist genug.


Mehr muss ich nicht.

Mehr brauch’ ich nicht.

Mehr will ich nicht.


Es fehlt nichts.

Es stört nichts.

Ich such’ nicht mehr.

Es gibt nicht mehr.

Ich such’ nichts Besseres.

Es gibt nichts Besseres.


Ich atme.

Das ist alles.

Alles, was nötig ist.

Alles, was wichtig ist.


Ich atme.

Das ist alles.

Ich atme.

Das ist genug.




Kommentar:


Das Vollkommene kann nicht nur im Besonderen, an besonderen Orten (der Alhambra, dem Gipfel des Mont Blanc) und zu besonderen Zeiten (dem Hochzeitstag, einem wunderschönen Sonnenuntergang im Urlaub, im Frieden des Sabbat) gefunden werden, sondern auch im Alltäglichen, an jedem Ort, zu jeder Zeit.



Im Film „Der letzte Samurai“ wird ein heruntergekommener amerikanischer Offizier (gespielt von Tom Cruise) von der japanischen Regierung angeworben, um eine moderne Armee aufzubauen und sie dann gegen ein Dorf von Samurais in den Kampf zu führen, die gegen die vom Kaiser angeordneten Reformen rebellieren, weil sie ihre traditionelle Lebensweise behalten wollen. Die Kampagne mit den noch schlecht ausgebildeten Neusoldaten gegen die erfahrenen Berufskrieger endet in einer katastrophalen Niederlage; der Amerikaner wird gefangen genommen und in das Dorf der Samurai gebracht. Dort wird er immer mehr mit der anfangs fremdartigen Welt der Samurai vertraut, lernt immer mehr ihre Weltanschauung und moralische Haltung schätzen, erwirbt sich auch umgekehrt immer mehr den Respekt der Samurai. Vor allem bewundert er zunehmend, mit welcher Entschlossenheit und Ausdauer die Samurai sich darum bemühen, sich immer mehr zu vervollkommnen. In einer Szene des Films zeigt der Anführer der Samurai ihm einen vollaufgeblühten Kirschbaum, betrachtet nacheinander mehrere einzelne Blüten und sagt dann:

„Dieser Baum hat Tausende von Blüten. Aber unter Millionen findet man vielleicht eine einzige, die vollkommen ist.“

Am Schluss des Films kämpft der Amerikaner an der Seite dieses Anführers in einem aussichtslosen Kampf gegen die inzwischen gut ausgebildete und mit überlegenen Waffen ausgestattete neue Armee. Deren Kommandant, selbst ein ehemaliger Samurai, schämt sich schließlich wegen des würdelosen Abschlachtens der so tapfer und würdevoll in den Tod gehenden Krieger und lässt deshalb das Feuer einstellen, um dem Anführer Gelegenheit zu geben, Harakiri zu begehen. Der Anführer stürzt sich mit Hilfe des Amerikaners in sein Schwert. Bevor er stirbt, fällt sein Blick noch einmal auf einen voll aufgeblühten Kirschbaum, und seine letzten Worte sind:

Sie sind alle vollkommen!“


Solange ich das Vollkommene im Besonderen suche, kann ich es im Alltäglichen nicht finden.

Solange ich das Vollkommene anderswo suche, kann ich es hier nicht finden.




Der Nobelpreisträger Karl Gjellerup erzählt in seinem Roman „Der Pilger Kamanita“ folgende Geschichte:

Der Buddha trifft in einem Nachtquartier, in der Halle eines Töpfers, auf einen dort ebenfalls übernachtenden Pilger, der ihm seine Lebensgeschichte erzählt. Nach einem bewegten Leben mit vielen Höhen und Tiefen hat er sich entschlossen, dem Leben in der Welt als letztlich trügerisch und unbefriedigend zu entsagen, und ist jetzt auf dem Weg zum Buddha, den er zu seinem Meister erwählt hat. Er wähnt den Buddha weit entfernt in seinem Hauptkloster, merkt nicht, dass der „Voll-Endete, der vollkommen Erwachte“, den er sucht, ihm unerkannt gerade hier schon jetzt gegenübersitzt. Der Buddha erklärt ihm als Erwiderung auf die Lebenserzählung des Pilgers seine Lehre vom Leiden und der Auflösung des Leidens. Der Pilger Kamanita aber sieht in der Lehre des Buddha einen Mangel. Er sieht darin einen Fehler, weil ihm darin etwas fehlt. Befreiung vom Leiden ist ihm nicht genug. Er sucht darüber hinaus selige Wonnen im Jenseits. Er bemängelt, dass der Buddha darüber keine Aussagen gemacht hat. Der Buddha kann ihn nicht überzeugen. Als der Morgen graut, bricht der Pilger Kamanita hastig auf. Er hat erfahren, dass der Buddha sich nur eine Wegstunde entfernt in einem Mangohain aufhalten soll, und hat es jetzt sehr eilig, ihm endlich von Angesicht zu Angesicht zu begegnen. Da er nur noch möglichst schnell sein Ziel erreichen will, ist er unaufmerksam, sieht nicht rechtzeitig, dass eine durchgehende Kuh auf ihn zugerannt kommt, die ihn mit ihren Hörnern aufspießt. Als zwei enge Schüler des Buddha den Meister suchen, finden sie den schon bewusstlosen sterbenden Pilger, der nicht mehr erkennt, dass er den Vollkommenen, den er eifrig suchte, in der Nacht schon gefunden hatte, und dass er ihn bei Tag nicht mehr finden wird, weil er ihn zu eifrig suchte.



Ein römischer Statthalter namens Pontius Pilatus stellt an den Mann, der gefesselt vor ihm steht, die Frage: „Was ist Wahrheit?“

Die Antwort steht vor ihm - und er sieht es nicht.








Ich bin, was jetzt da ist


Ich bin Erfahrung, die sich selber will, liebt, weiß und hat.

Ich bin, was jetzt da ist.

Ich bin, was jetzt geschieht,

so, wie ich es erfahre,

so, wie es sich durch mich erfährt.


Ich bin Erfahrung, die sich selber will.

Ich will, was jetzt da ist.

Ich will, was jetzt geschieht.

Das, was jetzt da ist,

will sich selbst durch mich,

will sich selbst in mir.

Ich bin, was ich will.

Ich will, was ich bin.

Ich bin Erfahrung, die sich selber liebt.

Ich liebe, was jetzt da ist.

Ich liebe, was jetzt geschieht.

Das, was jetzt geschieht,

liebt sich selbst durch mich,

liebt sich selbst in mir.

Ich bin, was ich liebe.

Ich liebe, was ich bin.


Ich bin Erfahrung, die sich selber weiß.

Ich weiß, was jetzt da ist.

Ich weiß, was jetzt geschieht.

Das, was jetzt da ist,

weiß sich selbst durch mich,

weiß sich selbst in mir.

Ich bin, was ich weiß.

Ich weiß, was ich bin.

Ich bin Erfahrung, die sich selber hat.

Ich habe, was jetzt da ist.

Ich habe, was jetzt geschieht.

Das, was jetzt geschieht,

hat sich selbst durch mich,

hat sich selbst in mir.

Ich bin, was ich habe.

Ich habe, was ich bin.




Kommentar:

„Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich“ (Matt.5,3)


Meister Eckhart sagt dazu: „Das ist ein armer Mensch, der nichts will und nichts weiß und nichts hat.“


Ich sage dazu ( und denke, dass auch Meister Eckhard auch damit einverstanden wäre):

„Das ist ein armer Mensch, der nichts anderes will, liebt, weiß und hat als das, was jetzt ist.“







In der Mitte


Ich bin nicht Mittelpunkt der Welt,

um den sich alles andere dreht.

Die Welt ist: alles ohne mich,

ist alles außerhalb von mir,

ist alles andere - nur nicht ich.

Ich kann nicht Mitte sein von etwas,

dem ich mich gegenüberstelle,

von dem ich mich ja selber abtrenn’,

aus dem ich mich ja selber ausschließ’.


Doch bin ich Mittelpunkt in dem,

was mich so wie die Welt umschließt,

die Welt in mir, ich in der Welt,

im Universum, nicht gespalten

in Welt und mich, mich und die Welt,

sondern das unteilbare Eine,

das keine Trennung kennt in sich,

und auch nichts Zweites neben sich,

das keine Fugen hat und keine Nachbarn,

was sich in sich und für sich dreht.


Was ohne Grenzen ist, hat Mitte überall.

Es ist an jedem Punkt in seiner Mitte.

Auch ich bin neben vielen Anderen einer dieser Punkte.

Auch du bist einer dieser unzählbaren Mitten.

Doch um das auch zu wissen, musst du dich entscheiden,

nicht länger du zu sein, getrennt von einer Welt,

sondern vereint mit ihr zum unteilbaren Ganzen.


Die Haut trennt dich nicht ab von allem Anderen.

Sie bindet nur im fugenlosen Ganzen

Verschiedenheit in lückenlose Einheit.

Nimm das, was innerhalb von deiner Haut liegt,

nicht wichtiger als das, was draußen liegt!

Lieb’ es nicht mehr - und lieb es auch nicht weniger!

So wie du deine Hand genauso liebst wie deinen Fuß,

so liebt das Ganze beides gleichermaßen,

weil beides gleichwertig zu ihm gehört.

Du willst doch nicht, dass deine Hand selbst deinen Fuß verletzt.

Genauso wenig will das nachbarnlose Ganze,

dass du das scheinbar andere behinderst,

bekämpfst, beschädigst und zerstörst.


Geh’, wenn du gehst, nicht gegen einen Anderen vor,

der ja in Wirklichkeit kein Anderer ist!

Gehe mit ihm, im Einklang mit dem Ganzen,

zu dem ihr beide unteilbar verbunden seid!

Wenn du für dich alleine gehst,

ohne den Anderen oder gegen ihn,

dann gehst nur du, getrennt von allem Anderen.

Wenn du im Einklang mit dem Ganzen gehst,

gehst nicht mehr du, dann geht das Ganze,

bewegt das Ganze sich in dir,

bewegt das Ganze sich mit dir,

dann geht das Ganze in sich selbst.






Wollen und wissen


Manchmal sagt jemand:

„Ich will mein Ich nicht aufgeben.“

Und ich antworte dann - vielleicht:

„Das kannst du auch gar nicht.

Es geht dabei nicht darum, was du willst.

Du kannst dabei nicht wählen, was du tust.

Ob es ein Ich gibt oder nicht, bestimmst nicht du.

Das bestimmt die Wahrheit.

Die kannst du nicht erschaffen, nur erkennen.

Aufgeben kannst du nur dein Ego.

Das hast du geschaffen,

damit du das, was wahr ist, nicht mehr sehen musst.

Doch Irgendwann wirst du es nicht mehr schaffen,

dich gegen das, was wahr ist, mühevoll zu wehren.

Dann wirst du einfach ohne Zweifel wissen,

ob du ein Ich hast - oder nicht.

Du kannst dich ja darum bemüh’ n, dein Ich zu retten.

Wenn es dein Ich nicht gibt,

wird dir das nicht, kann dir das nicht gelingen.

Du kannst nicht retten, was es gar nicht gibt,

oder was dann, wenn es doch da sein sollte,

gar nicht gerettet werden muss und kann.


Was du versuchst zu retten,

was du auch retten kannst erst mal für lange Zeit,

ist nur dein Ego, von dir selbst gemacht.

Doch kann das Ego, trügerischer Schein,

auf Dauer nicht der Wahrheit widersteh’ n,

dein wahres Ich nicht länger mehr verdecken.

Irgendwann kannst du nicht mehr verhindern, zu erwachen.

Dann wirst du einfach wissen, wer du bist,

ob du wirklich ein Ich bist - oder nicht.“





Kommentar:


„Aber“, wirst du, lieber Leser, vielleicht fragen, „was ist denn das Ich, was ist denn das Ego?“

Ich bin - das ist das Ich.

Alles, was danach folgt - das ist das Ego.

(oder mindestens ein wesentlicher Teil davon, der Vergangenheitsteil des Egos)

„Ich denke, dass ich ein ehrlicher Mensch (ein Lügner) bin.“

„Ich denke“- das ist das Ich.

„..., dass ich ein ehrlicher Mensch (ein Lügner) bin“- das ist das Ego.

Dass ich denke - das ist das Ich.

Was ich über mich denke - das ist das Ego.

Mein Ich, das ist mein in der Gegenwart erkennender und handelnder Geist (Denken, Wahrnehmen, Urteilen, Entscheiden) und die Haltungen, die ich mit diesem Geist in der Gegenwart einnehme (Präsenz, „Geistes-Gegenwart“, Aufmerksamkeit, Wachheit, Offenheit, Interesse, Akzeptanz, Respekt, Fürsorge).


Mein Ego, das ist das Bild, das ich von mir habe, das Selbst-Bild, das so falsch ist wie alle Bilder von einem Menschen, dem Eben-Bild Gottes, von dem man sich kein Bild machen soll; eine Vorstellung, die so unwirklich ist wie alle Vorstellungen (nicht Begriffe!), die ich mir vor die Wirklichkeit, die Wahrheit stelle.

Das Ego, das ist meine angesammelte Vergangenheit; das, was ich glaube, zu wissen; das, was ich glaube, zu haben; eine trügerische Gewissheit, eine täuschende Sicherheit.



Eine sehr schöne Veranschaulichung, was das Ego ist und was das Ich, gibt Richard Wagner in der „Götterdämmerung“, in der Gegenüberstellung von Gunther und Siegfried.

Gunther sitzt in seiner sicheren Burg, in dem Land, das ihm gehört, das er von seinen Vätern geerbt hat, inmitten seiner Brüder und seines Halb-Bruders Hagen.

Siegfried stürmt von draußen herein, ein Fremder in einem Land, das Anderen gehört. Er besitzt nichts, hat nichts, nur das, was er ist, seine Kraft und seinen Mut. Er hat auch von seinem Vater nichts geerbt als ein zerbrochenes Schwert. Aus den unbrauchbaren Stücken dieses Schwertes, eine Göttergabe, von seinem Großvater Wotan für Siegfrieds Vater erschaffen, das aber im Kampf gegen den Speer des Großvaters nicht standhalten konnte, hat er sich selbst ein eigenes Schwert geschmiedet. An diesem Schwert, vom Menschen selbst geschaffen, nicht mehr von einem Gott geschaffen und geschenkt, wird umgekehrt später Wotans Speer zerbrechen. Siegfried kommt mit nichts als diesem Schwert, dem Werkzeug seiner Taten. Er kommt mit dem Ruf: „Kämpf mit mir oder sei mein Freund!“ Und da keiner sich traut, mit ihm zu kämpfen, verbreitet er mit dem Schwert Freundschaft und Frieden über die Welt. Und er kommt allein, ohne Brüder, ohne Gefolgsleute, nur auf sich selbst gestellt.

Ich kann beides sein - Gunther und Siegfried, Ego und Ich.

Es sind zwei Gestalten, die ich annehmen kann, in die ich mich wie ein Zauberer verwandeln kann.

Ich kann wählen.

Ich kann wählen, der Wind zu sein, der heute hier weht, morgen dort, der gar nicht mehr weiß, wo er gestern geweht hat, und der sich nicht fragt, wo er morgen wehen wird.

Und ich kann wählen, ein Mann zu sein, der verzweifelt einen Schatz sucht, den er in Kriegszeiten irgendwo vergraben hat, nicht mehr weiß, wo, und ihn jetzt nicht wiederfindet.

Doch ich kann nicht wählen, beides zur selben Zeit zu sein. Wer Wind ist, kann keine Schätze suchen. Wer Schätze sucht, kann nicht Wind sein.



PS: Du kannst nicht wollen, ob du ein Ich bist.

Du kannst nur wollen, dass du ein Ego hast.

Doch du kannst wollen, wie stark das Ich ist, das du bist.

Es hängt von deinem Willen ab, wie sicher du urteilst, wie klar du entscheidest, wie wach du dich der Welt (und Anderen) zuwendest.

Die Stärke deines Ichs, die hängt ab von dir.








Mit Kopf ohne Kopf


Fritz Perls sagt: „Verlier den Kopf und komm zu Sinnen!“

Ich sage: „Behalt’ den Kopf! Werde nicht kopf-los!

Verlier ihn nicht, und werf ihn auch nicht weg!

Ganz ohne Kopf lebst du wohl nicht mehr lange,

kannst deinen Weg gar nicht mehr weitergehen.

( abschreckende Beispiele: Klaus Störtebeker, der Apostel Paulus )

Manchmal ist auch der Weg für Andere dann zu Ende.

( warnendes Beispiel: Desdemona, als Othello den Kopf verlor )



Sei nicht ver-kopft, sei nicht kopf-lastig!

Mache dir keinen Kopf darüber, dass du Milch verschüttet hast,

die lange schon von einem Lappen weggewischt!

Mach dir auch keinen Kopf um Eier, die noch nicht gelegt,

und die vielleicht kein Huhn auch jemals legen wird!

Du machst dir sonst das Gehen schwer mit Ängsten und mit Sorgen,

die - gar nicht nötig - nur behindern und verzögern deinen Weg.

( alltägliche Beispiele : ich selbst und viele meiner Patienten/innen )



Lass deinen Kopf los! Werde kopf-frei!

Nutze den Kopf dazu, ihn zu entrümpeln,

von Müll, wertlosem Schrott und Ballast zu befrei’ n,

ihn wieder leer, ihn wieder leicht und unbeschwert zu machen!

( hilfreiches Beispiel: ich als Psychotherapeut )


Stell mit dem Kopf prüfende Fragen an den Kopf!

Stell mit dem Kopf den Kopf in Frage!

Nutze den Kopf dazu, zu wissen, dass der Kopf nicht weiß,

dazu, nicht-wissend doch etwas zu wissen!

( Gedanken prüfendes Beispiel: Sokrates )



Geh mit dem Kopf über den Kopf hinaus !

Geh mit dem Kopf bis zu dem Ort, an dem du siehst:

Hier hat der Kopf das Ende seines Wegs erreicht!

( vor-denkende Beispiele: Nagarjuna und Wittgenstein )

Leg hier zwar nicht den Kopf, doch das, was du im Kopf hast, ab,

weil du es nicht mehr brauchst, um fortzuschreiten,

und geh von da ab einfach ohne diesen Ballast weiter

auf einem Weg, der gar kein Weg mehr ist!“

( lehrendes Beispiel: Buddha )





Kommentar:

Zu den ersten drei Strophen gibt es nichts zu sagen.

Sie sprechen ja für sich selbst, sind ja selbstverständlich, aus sich selbst heraus verständlich.

Falls du, lieber Leser, es nicht schon weißt: Störtebeker und Paulus verloren ihren Kopf, indem er ihnen abgeschlagen wurde.

Störtebeker soll ohne Kopf noch einige Augenblicke gelaufen sein, zu einigen mit-gefangenen Mit-Piraten, denen er dadurch Leben und Freiheit gerettet hat.

Paulus ist - wie die Überlieferung einhellig sagt - ohne Kopf gar nicht mehr gelaufen.

Othello hat seine geliebte Desdemona erwürgt - in einem kopf-losen Anfall von Eifersucht.



Zu Sokrates gibt es schon etwas zu sagen:

Das Orakel von Delphi hat Sokrates zum Weisesten aller Menschen erklärt, weil er von sich selber sagte:

„Ich weiß, dass ich nicht weiß.“

Das Griechische „oîda oúk eidós“ heißt nicht: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“.

Es heißt eigentlich auch nicht: „Ich weiß, dass ich nicht weiß.“

Es heißt eigentlich, wörtlich übersetzt: „Ich weiß nicht wissend.“

Und das ist etwas völlig Anderes.


Sokrates hat viele, die glaubten, etwas zu wissen, durch Fragen dahin geführt, zu erkennen, dass sie nicht wissen, ihnen geholfen, ihr angebliches, manchmal angeberisches Wissen als Schein-Wissen zu durchschauen. Er ist der „Vater aller De-Kontruierer“.

Seine Gespräche mit Anderen enden in der Aporie, der Weglosigkeit, Aus-Weglosigkeit; da, wo der Kopf nicht weitergehen kann, weiteres Fragen zu keiner Antwort führt.

Vielleicht konnte er sich selbst und Andere bis zu diesem Punkt bringen, weil er über ein Wissen verfügte, das über das Wissen in Gedanken und Worten hinausreicht, ein Wissen, das nicht mehr denkbar, nicht mehr aus-sprechbar, jedoch trotzdem durchaus erfahrbar ist.

Es gibt ein Handeln, das gleich-zeitig Nicht-Handeln ist.

Vielleicht gibt es auch ein Wissen, das gleich-zeitig Nicht-Wissen ist.



Zu Nagarjuna und Wittgenstein gäbe es viel zu sagen; doch das würde den Rahmen eines Kommentars sprengen:

Wittgenstein ist - ähnlich wie Sokrates - mit dem Kopf bis dahin gegangen, wo der Kopf nicht weitergehen kann.

Nagarjuna hat durch das Denken das Denken grund-sätzlich in Frage gestellt. Er hat gezeigt, dass alles Gedachte weder aus sich selbst noch aus Anderem begründet werden kann, dass alles Gedachte nur entsteht und besteht in Abhängigkeit von etwas Anderem, das seinerseits wieder abhängig von etwas Anderem ist. Alles Gedachte hat keinen „Grund“ in etwas, das unabhängig von Anderem nur auf-grund seines eigenen überdauernden Wesens da ist. Alles Gedachte hat keinen „Grund“, ist „leer“.



Buddha hat immer wieder gelehrt, dass seine Lehre ein Hilfsmittel ist, das man loslassen kann, wenn sein Zweck erreicht ist; ein Floß, das dazu dient, einen Fluss zu überqueren, das man aber zurücklässt, wenn das andere Ufer erreicht ist.

Er soll auch mal gesagt haben:

„Wenn meine Lehre deiner Erfahrung widerspricht, folg deiner Erfahrung!“





Wer ein Buddhist bleibt, kann kein Buddha werden.

Solang’ du Buddha folgst, kannst du nicht Buddha sein.

Gehe den Weg, den du allein nur geh’ n kannst!

Folg deiner Erfahrung, trau’ nur ihr allein!

Und triffst du unterwegs auf Buddha,

dann geh ein Stück mit ihm, geh neben ihm,

doch geh nicht hinter ihm, folg ihm nicht nach!

Stelle ihm eifrig eine Frage,

höre genau die Antwort, die er gibt!

Und wenn du ihn genug gefragt hast,

wenn du so viel gehört hast, wie du brauchst,

dann töte Buddha,

und geh alleine weiter -

als Buddha!

Und was für Buddha gilt,

das gilt natürlich ebenso für Christus, Rumi, Krishna(murti), Rudolf Steiner

und für jeden anderen Lehrer oder Meister auch.



Löse alle Lehren in die „Leere“ auf -

auch die Lehre von der „Leere“!

Und:

Die „Leere“ ist nicht das Nichts.

Leer machen ist nicht ver-nichten.

„Töte“ in dir den Lehrer, nicht die Lehre!

Mach sie nur „leer“!

Lass sie so „leer“ sein, wie sie ist!










Lieben, was ist


Nicht lieben, was ist

Lieben, was nicht ist


oder


Lieben, was ist


einfach, weil es ist

ohne Grund

vor jedem Grund


ein Vor-Urteil vor jedem Urteil

eine Entscheidung vor jedem Unter-Scheiden

eine Wahl vor jeder Aus-Wahl

All-Gleich-heit vor jedem Vergleich:

Das, was ist,

ist liebens-wert,

einfach,

weil es ist.




Kommentar:



Lieben, was nicht ist:

Ich will bekommen,

ich will haben,

was ich mir wünsche,

was mir jetzt fehlt.

Doch oft bekomme ich nicht, was ich mir wünsche.

Oft kann ich nicht haben, was mir hier fehlt.

Wenn ich will, was nicht da ist,

will ich oft, was ich nicht kann.

Nicht lieben, was ist:

Ich will vor etwas, was jetzt da ist, weg laufen.

Ich will etwas, was mich hier stört, weg machen.

Doch oft kann ich das, was mich stört, nicht weg machen.

Oft kann ich vor dem, was mich stört, nicht weg laufen.

Wenn ich das, was jetzt ist, nicht so will, wie es ist,

will ich oft, was ich nicht kann.


Lieben, was ist:

Ich stelle fest, was da ist,

dass es so ist, wie es ist.

Ich stelle fest, dass jetzt nichts fehlt,

dass hier nichts stört.

Ich stelle fest, was ich bekomme,

und wünsche es mir.

Ich wünsche mir, was ich bekomme,

was ich (schon) habe.

Dann bekomme ich sicher, was ich mir wünsche.

Wenn ich will, was jetzt da ist,

kann ich, was ich will.


Lieben, was nicht ist,

nicht lieben, was ist,

ist oft Kämpfen und Verlieren.

(Ich kämpfe gegen die Wirklichkeit,

die mit Allmacht das ist, was sie ist,

die mit Allmacht so ist, wie sie ist.

Diesen Kampf kann ich nur verlieren.)

Lieben, was ist,

ist sicheres Siegen, ohne zu kämpfen.

(frei nach Genpo Merzel Roshi)






Im selben Augenblick


Lass alles kommen!

Lass das, was jetzt da ist,

so, wie es ist,

alles sein, was ist!

Und lass alles wieder gehen!


Und eigentlich kommt nichts.

Und eigentlich geht nichts.

Es ist einfach da,

in diesem Augenblick,

nur für diesen Augenblick.

Es kommt und geht

gleichzeitig

im selben Augenblick.






Wenn du mir etwas sagst



Wenn du mir etwas sagst,

dann ist das Einzige, was ich sicher weiß,

dass du es mir jetzt sagst.


Ob das, was du mir sagst,

auch wirklich stimmt,

ob du dich vielleicht irrst, auch selber täuschst,

ob du vielleicht versuchst, nur mich zu täuschen,

das weiß ich nicht

und kann es auch nicht wissen.

Das Einzige, was ich sicher weiß, ist,

dass du es mir jetzt sagst.


Ich weiß auch nicht, zu welchem Zweck,

mit welcher Absicht du es sagst.

Vielleicht willst du nur mir damit was sagen?

Würdest vielleicht es Anderen gar nicht sagen?

Würdest vielleicht ja Anderen Anderes sagen?

Würdest vielleicht es Anderen anders sagen?

Ich weiß es nicht

und kann es auch nicht wissen.

Das Einzige, was ich sicher weiß, ist,

dass du es mir jetzt sagst.


Schon morgen würdest du vielleicht es nicht mehr sagen.

Erst gestern hättest du vielleicht es nicht gesagt.

Vielleicht würdest du morgen schon was Anderes sagen.

Vielleicht hättest du gestern noch was Anderes gesagt.

Ich weiß es nicht

und kann es auch nicht wissen.

Das Einzige, was ich sicher weiß, ist,

dass du es mir jetzt sagst.





Kommentar:

Dass du mir jetzt das sagst, was du mir sagst, ist meine unmittelbare Erfahrung.

Meine Ohren hören es ja. Und meinen Ohren kann ich trauen. Ich stehe auf sicherem Boden.

Alles, was darüber hinausgeht, ist Phantasie, ist Glatteis, auf dem ich leicht ausrutschen kann.


Wenn ich das nicht vergesse, kann mich niemand täuschen. (Doch vielleicht kommt einmal jemand, der „Niemand“ heißt.)

Ich kann mich auch nicht selber täuschen.

Und ich kann nicht ent-täuscht werden, weil es erst gar nicht eine Täuschung gibt.



PS: Was für das gilt,

was du zu mir jetzt sagst,

das gilt oft auch für das,

was ich mir selber sage,

das, was sich in mir selber sagt:

Das Einzige, was ich sicher weiß, ist,

dass ich es mir jetzt sage,
dass es sich mir jetzt sagt.





Nicht viel Zeit


Es sagt zu mir ein Mann von über 80 Jahren:

„Mein junger Freund, ich hab’ nicht mehr viel Zeit.“

Und ich - noch keine 60 - sag zu ihm:

„Mein altersloser, ewig junger, ewig alter Freund:

Wir haben alle nicht viel Zeit - in jedem Alter.

Wir leben immer nur in diesem Augenblick,

haben nur ihn allein, nichts sonst, nichts mehr.

Tage und Jahre können wir nur denken.

Erfahren, leben können wir nur jetzt.

Aus diesem Grund hat jeder nie viel Zeit,

haben wir alle immer keine Zeit.



Kommentar:


Alexis Sorbas erzählt seinem Chef, einem jungen Schriftsteller „auf der Suche nach den eigentlichen Wurzeln seines Lebens“:

„Eines Tages kam ich in ein kleines Dorf. Ein steinalter Greis von neunzig Jahren pflanzte einen Mandelbaum. ,He, Großväterchen’, sagte ich ihm, ,Du pflanzt einen Mandelbaum?’ Er, in seiner gebückten Stellung, wandte sich zu mir um und sagte: ,Ich, mein Sohn, handle so, als wäre ich unsterblich!’ ,Und ich’, erwiderte ich ihm, ,handle so, als müsste ich jeden Augenblick sterben.’ Wer von uns beiden hatte nun recht, Chef?“....

Ich schwieg. Beide Pfade sind steil und eines Mannes würdig, beide können auf den Gipfel führen. So zu handeln, als gäbe es keinen Tod, und so zu handeln, als erwarte man den Tod jeden Augenblick, ist vielleicht ein und dasselbe.

(Nikos Kazantzakis, Alexis Sorbas)






Stehen und Gehen

(Kein Anfang, kein Ende)


Nur, was für sich alleine steht,

kann stille steh’ n und einfach bleiben

im eigenen, unbegrenzten Sein.

Das, was in einer Reihe steht,

zwischen dem Ersten und dem Dritten,

ein „vorher“ und ein „nachher“ kennt,

muss werden, sich bewegen, gehen,

weg von dem Dritten, hin zum Ersten,

weg von dem Letzten, hin zum Nächsten.


Das, was als eines alles ist,

es kann nur sein, kann gar nicht werden;

es kann nur steh’ n, kann gar nicht geh’ n.

Es ist das nachbarnlose Eine.

Von welchem Ort könnt’ es denn kommen?

Zu welchem Ort sollt’ es denn geh’ n?


Lass das, was jetzt alleine steht,

nur einfach das sein, was es ist!

Mache es nicht zu einem Anfang!

Mache es nicht zu einem Ende!

In ihm fängt nicht ein Anderes an.

In ihm hört nicht ein Anderes auf.

Es gibt nichts Anderes außer ihm.

Es gibt kein Zweites neben ihm,

keins vor ihm und keins hinter ihm.


Mache aus ihm für dich nicht weniger,

als was es für sich selber ist!

Dann sehnst du dich nicht mehr danach,

dass etwas furchtbar Schlimmes endet.

Dann hoffst du auch nicht mehr darauf,

dass etwas Schönes, Gutes anfängt.

Dann hörst du endlich auf, zu warten.

Dann liebst du endlich das, was ist.






Kommentar:

Karl Gjellerup erzählt in seinem Roman „Der Pilger Kamanita“ folgende „wunder-volle“ Geschichte:


In einem großen Wald trieb einst der berüchtigte Räuber Angulimala sein Unwesen. Er überfiel die Reisenden, brachte sie um, nachdem er ihnen alles Wertvolle mit Gewalt abgenommen hatte, oder erpresste für sie ein hohes Lösegeld. Dieser Räuber sah eines Morgens von einem nahen Feld aus mit großem Erstaunen, wie ein alter, doch immer noch rüstiger Mönch entschlossen und unbeirrt von den warnenden Rufen der Landarbeiter auf den Wald zuschritt und schließlich in ihm verschwand. „Hat dieser Alte denn gar keine Angst vor mir, dem schrecklichen Räuber?“, dachte Angulimala. Doch seine Verwunderung verwandelte sich schnell in Ärger, darüber, dass dieser Mönch ihn anscheinend so wenig ernst nahm, dass er es wagte, alleine und waffenlos durch „seinen“ Wald zu laufen. Und wenn Angulimala sich ärgerte, dann hatte das für den, der ihn ärgerte, meistens tödliche Folgen. Kurz entschlossen entschied sich der Räuber, den unverschämten Alten einfach zu ermorden. Das schien ihm auch ein Kinderspiel zu sein, etwas, was er nebenbei mit links erledigen würde. Er hatte es doch schon mit zehn starken Männern gleichzeitig aufgenommen und sie alle erschlagen. Angulimala lief also dem Mönch hinterher, und als er auf Sichtweite an ihn herangekommen war, zog er einen Pfeil aus dem Köcher, spannte ihn und schoss ihn ab. Er wusste, dass er ein hervorragender Schütze war, der gewohnt war, sicher zu treffen. Doch diesmal sauste der Pfeil hoch über dem Kopf des Alten vorbei. „Ich muss einen schlechten Pfeil erwischt haben“, dachte Angulimala, und griff nach einem zweiten, diesmal ohne Zweifel von makelloser Qualität. Doch auch damit verfehlte er das Ziel, schoss weit neben der rechten Schulter des Mönchs ins Leere. Und der dritte Schuss ging genauso daneben; der landete weit entfernt von der linken Schulter seines „Opfers“ irgendwo im Wald. Wäre Angulimala nicht der kaltblütige, abgebrühte Räuber gewesen, den so leicht nichts erschüttern konnte, wäre er jetzt sehr verwirrt und durcheinander gewesen. Doch weil er eben der war, der er war, besann er sich sofort und lief diesem merkwürdigen Alten hinterher, um ihm dann eben seinen Speer in den Rücken zu werfen. Doch so schnell er auch rannte, so sehr er sich auch abmühte, er kam nicht näher an den Mönch heran, obwohl der gar nicht schnell ging, sondern ohne Eile in ruhigem Gleichmaß vorwärtsschritt. Angulimala war jetzt doch ziemlich erschreckt über das unglaubliche Geschehen, das er sich überhaupt nicht erklären konnte. Als er erschöpft schon aufgeben wollte, weil dieser seltsame Mönch für ihn anscheinend nicht erreichbar und nicht angreifbar war, rief er als letzten verzweifelten Versuch zu ihm herüber: „ He, Alter, bleib endlich stehen!“ und hörte eine Antwort, über die er sich noch mehr wunderte, die er genauso wenig einordnen konnte wie das, was gerade vor sich ging: „Ich stehe, Angulimala, stehe auch du!“ Angulimala wollte jetzt diesen seltsamen Menschen vor ihm gar nicht mehr umbringen. Er wollte nur noch verstehen: das Merkwürdige, was hier geschah, und diese merkwürdigen Worte. Er merkte, dass der Alte jetzt zuließ, dass er ihm näher kam, dass er ihn erreichte. Als er neben ihm angekommen war, fragte er: „Erkläre mir doch, welche verborgene Bedeutung deine Worte haben! Denn sie scheinen ja Unsinn zu sein, mit der Wirklichkeit nicht übereinzustimmen, der Erfahrung zu widersprechen. Du sagst, dass du stehst, obwohl du doch offensichtlich gehst, und forderst mich dazu auf, dass auch ich stehen soll, obwohl ich doch nur dadurch zu dir kommen konnte, dass ich auch gegangen bin.“

Darauf antwortete der merkwürdige Alte:

„ Ich, der ich mit allen Wesen in Frieden bin, stehe.

Du aber, der du alle verfolgst, mit Gewalt und Tod bedrohst, du rennst von einem Leid zum nächsten.“


Er ist der Buddha, der Vollkommene,

der an das Ende seines Wegs Gekommene,

der nur noch ist, was er schon ist,

nicht mehr zu mehr, zu Anderem wird;

der von nirgendwo herkommt,

der nach nirgendwo hingeht;

der auch im Sein steht, wenn er geht.

Der Räuber ist durch Streit und Zwist ent-zweit von allen Wesen.

Er hat sich gegen viele Andere gestellt, hat viele Andere gegen sich gestellt.

Der Buddha ist als einer alles, weil er mit allen eins im Frieden ist.







Gehen, ohne zu gehen


Auch wenn ich dort hin will,

will ich nicht vergessen,

dass ich jetzt da bin,

wo ich hier bin, wo ich jetzt bin.

Auch wenn ich vorwärts will,

will ich noch merken,

dass ich den Schritt geh’,

den ich gerade mache,

wie ich ihn mache,

was ich dabei seh’.



Ob ich das, was ich will, tat-säch-lich leben kann,

auch in der Welt der Taten und der Sachen,

gibt mir die Antwort auf die sehr gewichtige Frage,

ob Glück durch Frieden immer möglich ist,

nicht nur im Ruhen, auch im Weiterschreiten.

Gibt es ein Handeln, nicht von Absicht überschattet,

ein Handeln, das genauso gar kein Handeln ist,

ein Werden, das mich nicht dem Sein entfremdet,

ein Gehen, das gleichzeitig Stehen ist?





Kommentar:

Schon auf dem Weg am Ziel sein


Zwei Wanderer wollen einen Berg besteigen.

Der eine richtet seinen Blick sofort auf das Gipfelkreuz, das schon vom Tal aus zu sehen ist. Er will möglichst schnell dieses Ziel erreichen. Immer wieder sieht er nach oben auf das Gipfelkreuz, um sich zu vergewissern, ob er dem Ziel schon näher gekommen ist. Und wenn er es mal gerade nicht sehen kann, hat er es im Kopf. Er ist während des ganzen Weges nur mit dem Ziel beschäftigt. Das Ziel lässt ihn nicht mehr los - oder besser: er lässt das Ziel nicht los. Er achtet deshalb überhaupt nicht auf den Weg. Er bemerkt nicht die Steine, die auf dem Weg liegen, über die er stolpern und sich einen Fuß verstauchen könnte, so dass er gar nicht auf dem Gipfel des Berges ankäme. Als er wieder einmal nach oben auf den Gipfel sieht, übersieht er ein Zeichen, das anzeigt, dass der Weg abbiegt, geht weiter in die bisherige Richtung, bis der Weg vor einer hohen Felswand plötzlich endet. Jetzt erst merkt er, dass er sich verlaufen hat, muss bis zu der übersehenen Markierung zurücklaufen. Weil er möglichst schnell am Ziel ankommen will, geht er hastig, schneller, als es seinem Körper gut tut, bemerkt nicht, wie er durch sein übereiltes Gehen ermüdet und sich erschöpft. Er muss öfters eine Pause machen, um sich wieder zu erholen. Vor allem aber kann er sich nicht an dem erfreuen, was ihm auf dem Weg begegnet. Er sieht nicht die prächtigen Blumen, die links und rechts wachsen, hört nicht den plätschernden Bach, der den Weg kreuzt, bemerkt nicht das Eichhörnchen, das einen Baumstamm hochklettert, die Aussicht auf den See, die sich plötzlich öffnet. Das alles nimmt er gar nicht wahr und kann es deshalb auch gar nicht genießen.

Der andere Wanderer sieht nur einmal auf das Gipfelkreuz, um sich ein Bild von seinem Ziel zu machen, zu wissen, wo er hin will. Er weiß, dass das reicht. Es gibt ja einen markierten Weg, dem er nur achtsam folgen muss, um sicher anzukommen. Das Ziel kann er jetzt loslassen, kann auf den Weg achten. Er sieht die Gefahren, die mit dem Weg verbunden sind: die Stolpersteine, die Stellen, an denen er ausrutschen könnte. Er sieht auch die weniger offensichtlichen Markierungen, bleibt deshalb auf dem richtigen Weg. Und er geht in einem Tempo, das zu seiner körperlichen Verfassung passt, ruhig und stetig, Schritt für Schritt. Er merkt rechtzeitig, wenn seine Beine und Füße müde werden, geht dann langsamer, um sich nicht zu erschöpfen, oder macht eine kurze Pause, und überholt irgendwann doch den anderen Wanderer, der zu hastig gegangen ist und sich deshalb lange ausruhen muss, um sich von seiner Erschöpfung zu erholen. Vor allem aber kann er genießen, was ihm auf dem Weg begegnet, den Bach, die Blumen, das Eichhörnchen, die Aussicht auf den See, einfach im Vorrübergehen, ohne dafür stehen bleiben zu müssen ( was er natürlich auch einfach könnte).

Dem ersten Wanderer ist nur wichtig, dass er sein Ziel erreicht; wie, die Qualität des Weges, das ist ihm egal. Für ihn hat nur der eine einzige Augenblick Bedeutung, an dem er auf dem Berggipfel ankommt. Ein inneres Bild von diesem in der Zukunft liegenden Zeitpunkt hält er während des ganzen Weges aufrecht, hält daran fest, so dass er nicht offen und frei dafür ist, das Gegenwärtige wahrzunehmen. Für einen einzigen Augenblick in der Zukunft opfert er viele Augenblicke in der Gegenwart. Da es für ihn nur Wert hat, am Ziel zu sein, erlebt er die vielen Zeitpunkte, in denen er auf dem Weg ist, als wertlos; er ist ja nicht am Ziel.

Der zweite Wanderer hat auch ein Ziel, das er erreichen will; aber es ist ihm auch wichtig, wie. Für ihn ist auch die Qualität des Weges von Bedeutung. Auch er macht sich für einen Moment ein Bild von seinem Ziel, aber er lässt diese Zukunfts-Vorstellung dann los, um frei zu sein für die Wahrnehmung in der Gegenwart. Er ist in der Lage, den vielen Augenblicken, in denen er auf dem Weg ist, eine positive Lebensqualität zu geben. Er ist schon auf dem Weg am Ziel.

Der erste Wanderer geht von dem Grundgedanken aus, dass da, wo er jetzt ist, keine oder zu wenig Lebensqualität vorhanden ist. Er muss erst etwas verändern, damit Lebensqualität entsteht.

Der zweite Wanderer dagegen wird von der Grundidee geleitet, dass an der Stelle, wo er jetzt ist, genug Lebensqualität schon da ist. Er muss sie nicht erst schaffen, er muss sie nur finden. Er muss nichts verändern, er kann einfach in dem bleiben, was ist, weiterführen, was schon gegeben ist. Wenn er sich von dem Punkt, an dem er sich gerade befindet, auf ein Ziel zubewegt, dehnt er den positiven Wert, den er gefunden hat, nur weiter aus.






Einfach so



Ich lasse meine Füße

in den nächsten Schritt gleiten.

Einfach so.


Denn ich hatte einen Traum.

Ich konnte weit vorausschauen,

auf den Punkt,

von dem aus man zurückschaut.

Ich war am Ziel.


Und seitdem weiß ich:

Ich bin schon jetzt am Ziel.

Mit jedem Schritt,

bei jedem Schritt,

auch wenn ich stehen bleibe,

weil ich nicht für immer stehen bleiben kann,

auch wenn ich rückwärts gehe,

weil ich nicht für immer rückwärts gehen kann.


Und so lasse ich meine Füße

in den nächsten Schritt gleiten,

und komme an

und bin zu Hause

und bleibe da für alle Zeit,

wo ich schon war vor aller Zeit,

und gehe doch weiter,

zur selben Zeit,

ohne Zögern, ohne Pause,

mit jedem Schritt,

bei jedem Schritt.

Einfach so.


Oft vergesse ich,

dass ich schon am Ziel bin -

manchmal für lange Zeit.

Dann meine ich, ich müsste mich beeilen.

Dann suche ich nach dem Weg.

Dann meine ich, ich hätte mich verirrt.

Dann denke ich, ich könnte das Ziel verfehlen.

Dann suche ich die Schuhe,

mit denen ich laufe.


Und immer wieder erinnere ich mich -

irgendwann,

dass ich schon am Ziel bin,

bei jedem Schritt, mit jedem Schritt,

und lasse wieder meine Füße

in den nächsten Schritt gleiten.

Einfach so.




Kommentar:

Ich möchte dir, lieber Leser, folgendes Gedicht von Kahlil Gibran als ergänzende Verdeutlichung nicht vorenthalten:



Haus und Straße


Mein Haus sagte zu mir:

„Verlass mich nicht,

denn hier wohnt deine Vergangenheit!“


Und die Straße sagte zu mir:

„Komm und folge mir,

denn ich bin deine Zukunft!“


Und ich sage zu beiden,

zu meinem Haus und zu der Straße:

„Ich habe weder Vergangenheit noch habe ich Zukunft.

Wenn ich hier bleibe,

ist ein Gehen in meinem Verweilen.

Und wenn ich gehe,

ist ein Verweilen in meinem Gang.“






„Es gibt keinen Weg zum Glücklich-Sein. Glücklich-Sein ist der Weg.“ (Buddha)

Denn:

Weg ist Ziel - und umgekehrt


Des Lebens Ziel ist Frieden.

Der Weg, das ist das Wort.

Und Weg ist auch der Frieden.

Und Ziel ist auch das Wort.

Nur Frieden führt zu Frieden.

Nur Frieden führt zum Wort.

Und Worte führen zum Frieden.

Und Worte führen zum Wort.

Kommentar:


Die 2. Zeile verbindet zwei Verse des Johannesevangeliums miteinander:

den Anfang des Prologs („Im Anfang war das Wort“, Joh1,1)

und das Christuswort „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6 ).

Logos, Wort ist Dia-Logos, Zwischen-Wort, Dialog. Der Logos, das Weltenwort, ist (nach einem Hinweis Rudolf Steiners) das Gespräch, der Dia-Log zwischen allen Wesen.

Durch diesen Dialog, „durch ihn und in ihm“, geschieht das Entstehen und Werden der Welt, der Weg der Entwicklung, dessen Endziel der Frieden ist.


Die 5. Zeile weist darauf hin, dass die weitverbreitete Annahme, dass der Zweck die Mittel heiligt, falsch ist. Das Mittel muss mit dem Zweck übereinstimmen, das Ziel muss schon auf dem Weg gegenwärtig sein.

„Mittel und Zweck sind dasselbe, und es gibt kein Ziel, das vom Mittel zu trennen ist. Nur auf die Mittel kommt es an, denn das Ziel wird durch die Mittel bestimmt. Das Ziel liegt im ersten Schritt.“ ( Krishnamurti)

Krieg führt nicht zu Frieden. Krieg führt nur zu neuem Krieg. „Was einmal besiegt wird, muss immer wieder besiegt werden.“ (Krishnamurti)








Was ich finde – wie ich finde

Einer meiner Freunde sagte mir vor Kurzem, als wir über diese Gedichte sprachen: „Du bietest keine einzige Lösung an.“ Ich nehme an, dass ich recht verwundert geguckt habe. Leider war ich nicht geistesgegenwärtig genug, um sofort nachzufragen, was er damit denn meine. So kann ich nur vermuten, was er damit sagen wollte, und gewissermaßen hätte er dann sogar Recht:

Ich sage dir nicht, lieber Leser, was die Wirklichkeit ist.

Ich sage nicht, was du am Ende des Weges finden wirst.

Ich sage nicht: „Dort wird Krishna, Vishnu, Shiva auf dich warten - mit vier, mit sechs, mit acht Armen.“

Ich sage dir nur, wie du einen Weg findest, wie du ihn gehen kannst.

Und damit befinde ich mich in guter, sogar in bester Gesellschaft:

„Mozart erzählte niemals jemandem etwas und führte daher niemals jemanden in die Irre. Er schrieb bloß einen Satz von Anweisungen an ein Orchester, der exakt besagte, welche Noten auf welchen Instrumenten wann gespielt werden sollten. Wenn sie die Anweisungen für, sagen wir, das Klarinettenkonzert, ohne Frage oder Erklärung befolgen, werden sie wissen, wie Musik im Himmel klingt. Und auch du wirst das wissen, selbst wenn du nur in der Nähe des Orchesters stehst, während sie die Anweisungen befolgen. Hätte dir das irgendein Musikkritiker, so brillant seine Beschreibungsfähigkeiten auch sein mögen, jemals erzählen können? Selbstverständlich nicht!“ (George Spencer Brown, Gesetze der Form)

Auch Buddha hat nichts über das Paradies gesagt, in dem 72 Jungfrauen wohnen, über den Olymp, auf dem Götter wohnen, über den Himmel, in dem Gott mit neun Engelhierarchien wohnt - und auch nicht über das Nirvana.

Er hat nur gesagt: „Geht den 8-gliedrigen Pfad!

Dann müsst ihr mir nichts glauben.

Dann werdet ihr alles selber wissen.“

Auch die Gedichte geben eine Reihe von Handlungsanweisungen an, für das Leben im Land der Nicht-Zeit; Anweisungen für ein Handeln in der Gegenwart, mit der Gegenwart, für die Gegenwart, ein Handeln, das zugleich Nicht-Handeln ist.

Und das - finde ich - ist durchaus eine Lösung.

In dem folgenden Gedicht habe ich noch mal die wesentlichsten dieser Handlungsanweisungen zusammengestellt:







Halten und Lassen



Lass’ alles kommen!

Lass’ alles da sein, was jetzt da sein will!

Halte nichts auf, nichts ab, nichts fern, nichts draußen!


Lass’ alles so sein, wie es ist!

Erkenne, dass in ihm nichts fehlt!

Erkenne, dass in ihm nichts stört!


Lass’ einmalig sein, was hier ist, jetzt ist!

Lass’ es zum ersten und zum letzten Male da sein!

Halte es nicht für etwas, das sich wiederholt!

Halte es nicht für das, was du schon kennst!

Sieh es mit Staunen immer wieder neu als Wunder an!


Lass’ das, was jetzt ist, alles sein, was ist!

Lass’ es das Erste und das Letzte sein!

Lass’ das, was jetzt ist, in sich selber ruh’ n!

Halte es nicht verbunden, nicht zusammen,

mit dem, was nicht mehr ist, was noch nicht ist!

Halt’ nicht zusammen das, was nicht zusammen-hängt!


Lass’ alles da sein, was jetzt ist!

Und lass’ dich alles sein, was da ist!

Sei ohne Auswahl das, was jetzt geschieht!

Lass’ es durch dich sich selber wollen, selber lieben!

Lass’ es in dir sich selber wissen, selber haben!


Liebe alles, was jetzt da ist!

Und lass’ Lieben alles sein, was ist!

Halte dein Lieben nicht begrenzt!

Halte dir nicht die Türe offen,

manchmal zu lieben, doch nicht immer,

nur dies zu lieben, nicht auch das!

Bleib’ im Lieben, ruh’ im Lieben!

Lass’ dich Lieben sein, nichts sonst!


Gib dich ihm ganz und nimm es ganz!

Lass’ es sich ganz dir geben! Halte nichts zurück!

Mache es ganz! Lass’ es ganz werden!

Lass’ es so ganz sein, wie es ist! Spalte es nicht!

Lass’ es das fugen-lose, nachbarn-lose Eine sein.

Halte nichts getrennt in ihm!

Und halte nichts getrennt von ihm!


Lass’ es wie Pfeile sein, die ewig weiterfliegen!

Halte nicht an, und halte es nicht an!

Lass’ es sich weiten zum Unendlich-Sein!

Dann lässt du es unendlich wertvoll sein.

Lass’ es auch wieder geh’ n! Schaff’ Platz für Neues!

Halte es nicht am Leben, lass’ es sterben!

Halte es nicht fest!


Sei wie das Wasser eines Brunnens:

in jedem Augenblick dasselbe Wasser,

in jedem Augenblick das ganze Wasser,

in jedem Augenblick in einer anderen Form,

die es nie vorher jemals gab,

die es auch nachher nie mehr geben wird!

Wasser des Brunnens, lass’ dich fließen!

Wasser des Brunnens, halt’ dich nicht auf,

halt’ dich nicht an!


Kommentar:

In diesem Gedicht ist noch mal kurz zusammengefasst, wie ich in das Land der Nicht-Zeit komme:

Ohne auf etwas warten zu müssen, ohne dafür Zeit zu brauchen. Ich gehe nicht, ich komme nicht, ich komme nur an, da, wo ich schon bin - sofort, jetzt, in diesem Augenblick.

Und wie ich dann in diesem Land der Nicht-Wege gehe:

Ich gehe gar nicht; ich bin da, wo ich bin; bewege das, was da ist, bewege mich in dem, was da ist; bin bewegende Ruhe und ruhe in Bewegung.

In dieses Land kommen, in diesem Land gehen - es ist dasselbe.

Da, wo die Wege weg-los sind, da ist das Ziel der Weg, der Weg das Ziel.




„Aber, Rudolfo“, wirst du, lieber Leser, mich vielleicht fragen, „kann man denn so leben?“

Nicht immer.
Aber vielleicht für zwei Tage im Urlaub,
für einen Tag am Wochenende,
für eine Stunde nach der Arbeit,
für fünf Minuten in einer Pause auf der Arbeit,
für fünf Sekunden morgens auf dem Weg zum Bäcker.


Es gibt Zeiten, in denen man vergessen kann, dass es Zeit gibt.

Es gibt Zeiten, in denen es keine Zeit geben muss.

Es gibt Zeiten, in denen es keine Zeit gibt.


Vielleicht öfter und länger, als wir meinen. Und vielleicht lohnt es sich, es auszuprobieren.






Die ganze Wirklichkeit


Das Leben in der Gegenwart ist nicht nur eine Lösung. Es ist - in einer gewissen Hinsicht - die einzige Lösung.

Nur „Ich bin“ führt zum VATER, nicht „ich war“ oder „ich werde sein“.

Nur das „Ich bin“ ist „der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Der Weg, nicht ein Weg (Joh14,6 )

Die Gegenwart ist das einzige Tor zur Wirklichkeit, „das Nadelöhr, durch das das Kamel ins Himmelreich kommt.“



Und doch: es gibt Schritte, die über den Nullpunkt der Nicht-Zeit hinausführen.

Der Durch-Gang durch das Nadelöhr, er ist nicht das Ende des Wegs.

„Der Vater ist größer als das ,Ich bin’.“ (Joh14,28)


Die Wirklichkeit ( jetzt mache ich doch mal eine Aussage über sie, behaupte hochstaplerisch, sie zu kennen, das nachplappernd, was ich von Anderen, den „Großen“, gehört habe), sie ist nur ganz, wenn sie ihr Gegenteil in sich enthält, wenn sie auch die Unwirklichkeit enthält.

Die höchste Wirklichkeit, „Brahman, liegt zwischen zwei gegensätzlichen Aussagen. Es ist absolut und relativ zur selben Zeit. Es ist das ewig Unvergängliche, sogar während es sich ständig ändert. Man sagt, es sei sowohl dies als auch Das. Man spricht von ihm als Sat-Chit-Ananda (Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit), doch es schließt ein, was nicht Sat ist, was nicht Chit ist, und was nicht Ananda ist. Es ist jenseits von Sprache und Denken, doch der ganze Bereich von Denken und Sprache liegt in ihm.“

(Maharishi Mahesh Yogi, Kommentar zur Bhagavad Gita VI, 28)



Nur in der Gegenwart lösen sich die vielen Illusionen in die eine Wahrheit auf.

Doch die eine Wahrheit, sie ist nicht voll ohne die vielen Illusionen.

Die eine Wirklichkeit, sie wird nur ganz durch viele Nicht-Wirklichkeiten.


Und damit sind wir erneut an eine Grenze gelangt, an einen Übergang in ein weiteres Land.







Ausblicke auf das dritte Land


Wir stehen, lieber Leser, wieder an einem Fluss, über den Brücken führen in ein weiteres Land.

Als wir die erste Brücke überschritten, betraten wir eine ganz andere Welt, ein Reich, in dem völlig andere Gesetze galten. Wir kamen aus dem Reich, in dem die Zwei herrschte, in das Hoheitsgebiet der Eins, aus dem Land der sich scheidenden Wege in das Land der weglosen Wege, aus der Welt der Zeit in die Welt der Nicht-Zeit. Alles, was wir jenseits der Grenze antrafen, war neu und grundlegend anders.

Wenn wir dieses Mal die Grenze überschreiten, werden wir nichts vorfinden, was wir nicht schon kennen, nichts Neues. Denn das Land, das wir jetzt betreten werden, ist das Land, in dem die Zwei und die Eins zusammen regieren. Es ist das Reich der Drei.

In diesem Land gibt es neben der Nicht-Zeit auch wieder die Zeit, neben der Gegenwart auch wieder Vergangenheit und Zukunft. Die Zeit ist nicht auf die Gegenwart reduziert, sie ist in der Gegenwart zentriert. Es gibt neben weglosen Wegen auch wieder Wege, die sich scheiden, auf denen wir uns entscheiden können und müssen.

Wenn du denkst, lieber Leser: „Jetzt ist dieser Rudolfo ja völlig verrückt geworden. Ich habe keine Lust, mit diesem Wahnsinnigen weiter zu gehen“, hast du gewissermaßen völlig recht. Die Welt der Nicht-Zeit war ja schon „verrückt“, trans-rational, paradox. Die Welt, die vor uns liegt, ist paradox nicht-paradox, gewissermaßen also doppelt paradox, doppelt verrückt. Wenn du dieses Land des „potenzierten Wahnsinns“ nicht betreten willst, dann bleib an dieser Stelle einfach stehen. Viele, die über diese zweite Brücke gegangen sind ( z. B der Zen-Meister Genpo Merzel Roshi) berichten, dass sie lange gezögert haben, sich lange dagegen gesträubt haben, diesen nächsten Schritt zu gehen. Das Land der Nicht-Zeit bietet ja eine grenzenlose Freiheit und Weite, so dass viele, die das Reich der Eins betreten haben, es nicht mehr verlassen wollten. Wenn du hier bleiben willst, bist du in guter Gesellschaft.


Doch wenn du mit mir weitergehen willst, dann lass uns jetzt über die Brücke schreiten.