Rapunzel und der Lindwurm


Der Lindwurm haust in einem Turm

gemeinsam mit Rapunzel.

Sie leben dort fast ohne Licht

mit nur ner schwachen Funzel.


Rapunzel sagt: „Ich bin es leid,

ich will weg von hier geh’n.“

Der Lindwurm aber gähnt nur lang

und sagt: „Wir werden seh’n.“

Rapunzel sagt: „Ich trau mich nicht

alleine in die Welt.

Ich habe Angst, fühl’ mich dort fremd,

und hab’ ja auch kein Geld.“


Der Lindwurm aber gähnt nur lang

und sagt: „Hier ist’s doch schön.

Ich weiß ja nicht, ob es sich lohnt,

raus in die Welt zu geh’n.“


Sie hausen immer noch im Turm,

zu zweit, fast ohne Licht.

Rapunzel traut sich nicht allein.

Der Lindwurm will gar nicht.



Kommentar:

Jeder Weg beginnt mit einem ersten Schritt.

Manchmal - wenn die Umstände günstig sind - ergibt der sich fast von alleine, geschieht fast von selbst.

Und meistens - unter weniger glücklichen Bedingungen - muss man sich zu diesem Schritt entscheiden, manchmal sogar etwas in sich überwinden.

Und manchmal muss man diesen ersten Schritt alleine machen, weil der Andere nicht mit-geht.

Doch bin ich wirklich, bleibe ich wirklich allein auf meinem Weg?







„Es gibt auf der Welt einen einzigen Weg,

welchen niemand gehen kann außer dir.

Frage nicht, wohin er führt!

Geh ihn!“


Irgendwann, irgendwo habe ich mal diesen Spruch von Friedrich Nietzsche gelesen. Und war sofort von ihm beeindruckt. Er schmeckte nach mutiger Freiheit und entschlossener Verantwortung für das eigene Leben. Und doch spürte ich sofort, dass er einseitig war, dass ihm etwas fehlte. Er schmeckte auch nach schmerzvoller Getrenntheit und unglücklicher Einsamkeit. Und ich suchte nach ergänzenden Worten, die den Nietzsche- Spruch vollständig machen würden. Irgendwann habe ich als Antwort auf mein suchendes Fragen folgende Worte gefunden:



Mein Weg - nach, mit und vor Anderen


Ich gehe den Weg,

den nur ich gehen kann,

weil nur ich zu dieser Zeit an diesem Ort stehe.


Doch ich gehe den Weg nicht allein.


Es gibt andere,

die vor mir gehen,

die mir den Weg bahnen und ebnen.


Und es gibt andere,

die neben mir gehen,

die mit mir gehen.


Und es gibt andere,

die nach mir kommen,

denen ich den Weg bahne und ebne.



Ich gehe den Weg,

den nur ich gehen kann -

nach, mit und vor Anderen.


Ich gehe den Weg nicht allein.


Und immer bin ich auch allein auf meinem Weg,

weil nur ich zu dieser Zeit an diesem Ort stehe.





Alles getan, alles gescheh’n


Noch ein Trinkspruch, noch ein Glas,

dann geh’n die Lichter aus.

Tief im Inner’n fühl’n wir beide:

Der Herbst zieht kühl ins Haus.

Wenn die Sonne nicht mehr da ist,

nur dunkle Wolken noch zu seh’n,

weder du noch ich sind schuld dann;

gesagt ist alles und gescheh’n.


Viele Pfade sind begangen,

Straucheln, Stolpern, Torkeln, Fallen,

doch wieder Aufsteh’n, Weiter-Geh’n;

oft in Sackgassen gefangen,

verirrt, verlaufen, Weg verloren

und das Ziel nicht mehr versteh’n;

oft auch einsam, fern von allen,

um in Neuland zu gelangen,

noch mit Füßen nicht betreten,

noch von Händen unberührt.


Wie seltsam ist es, wenn ich sehe,

wie du nach blindem Tritt daneben

gelähmt am Boden liegen bleibst,

verstört und anscheinend betäubt.

Erleichtert kann ich wieder lächeln,

wenn du erneut die Glieder regst,

wenn du mit Kraft den Schreck abschüttelst,

sofort entschlossen dich erhebst,

wenn du erstaunt die Augen reibst,

und wieder klar siehst, wo es lang geht,

und ohne Zögern, was jetzt ansteht,

mit mutig ruhiger Hand ergreifst.

Wenn ich weit das Ganze schaue,

nicht Stückwerk mit beschränkter Sicht,

nicht allein die Schatten wählend,

offen für alles, auch das Licht;

wenn ich auf das Ganze lenke

einen unverzerrten Blick,

nicht einseitig den Mangel sehe,

blind für die Fülle, für das Glück,


das Glück des Eins-seins mit dem Leben,

dem Leben, das noch nicht gespalten

in mein und dein, Nehmen und Geben,

in hier und dort, Lösen und Halten,

dem Leben, das noch nicht geschieden

vom Wortstrom in geteiltes Land,

in Ufer, die - dann fern und fremd -

ne Brücke einsam noch verband;

wenn ich auf das Ganze schaue

mit offenem und weitem Blick,

seh ich freudig auf mein Leben,

sehe ich mit Dank zurück.


Dank all der Küsse, die du gabst mir,

dank allem, was ich gab zurück,

dank all der Wunder, die wir fanden,

dank jedem liebevollen Blick,

dank all der Menschen, die wir trafen,

dank jedem schmackhaften Gericht,

dank jedem Trunke, der uns labte,

dank jedem lächelnden Gesicht,

dank aller glaubensvollen Worte,

dank aller Stunden, sich zu freu’n:

Wenn alles gesagt ist und getan ist,

gibt es nichts mehr zu bereu’n.

Mit klarem Kopf und off’nem Blick,

kein Wahnsinn, der betrügend lockt,

kein Trugbild, das verführt, betört,

kein Reinfall mehr auf billigen Trick;

nichts übrig, was verpasst, versäumt,

man doch noch zu erreichen sucht;

kein Traum, dem man vergeblich nachrennt,

damit man ihn doch auf dem Konto bucht;

auch keine Stunde, der wir trauernd nachseh’n,

weil wir uns sträuben, dass sie ist vorbei;

bejahend einfach das, was da ist,

von Schuldwahn, Zwang und Täuschung frei;


Gelassen stehend an der Kreuzung,

nicht mehr wünschend, schnell zu geh’n,

keine Eile, die noch da ist,

getan ist alles und gescheh’n.


Dieses Gedicht hat sich durch mich erfunden, als ich versuchte, einen Songtext von Abba (When all is said and done) zu übersetzen. Bei einigen Zeilen musste ich eine etwas freiere Übersetzung wählen; daraus ergab sich dann, fast von selbst, dass ich ein paar eigene Zeilen gefunden und eingefügt habe.




Um dir, lieber Leser, ein Beispiel zu geben, wie solch ein „Blick zurück im Frieden“ aussehen kann, füge ich einen Auszug aus meinem unveröffentlichten Roman „Das Sabbatexperiment“ an:

Wilfried lag auf der Couch im Wohnzimmer und nahm sich eine kleine Aus-Zeit. Der Abend würde noch lang werden. Es war sein Geburtstag, er wurde heute 65; Anlass, auf sein Leben zurückzublicken:

„Ich stehe als ältester Sohn zwischen einem anderen ältesten Sohn, meinem Vater, und meinem ältesten Sohn; zwischen „Dionys, dem Tyrannen“ und Robespierre, dem strengen Richter, der Köpfe rollen lässt; zwischen ihnen unglücklich eingequetscht, ich, „Nathan der Weise“, „der Mann ohne Eigenschaften“, der Pontifex (nicht Maximus), der Brückenbauer, der getrennte Ufer verbindet, der Vermittler, der beide Seiten kennt, ein Pendler über die Grenze, die „Schweiz des Teams“, wie mich einmal einer meiner Chefs genannt hat, eine glatte Specksteinkugel zwischen Granitblöcken mit scharfen Ecken und Kanten, im Enneagramm (siehe Anmerkung) eine sich vor Schwierigkeiten drückende Neun zwischen einer herrsch- und rachsüchtigen Acht und einer selbstgerechten, rechthaberischen, besserwissenden Eins. Mein Name passt schon zu mir, Wilfried, „der den Frieden will“, mit aller Macht halten will, auch da, wo Frieden gar nicht stimmt, sondern Kampf, wo Frieden Unfrieden bedeutet. Und sein Vorname Siegfried passt auch zu meinem Vater, dem Offizier bei der Waffen-SS, der sich - wie die Römer - Frieden überhaupt nur vorstellen konnte, wenn er vorher Andere durch Macht besiegt hatte.

Weil ich anders sein wollte als mein Vater, ein anderer Vater, als Vater keine Macht ausüben wollte, habe ich geduldet, dass mein älterer Sohn sich diese Macht anmaßte, sie statt meiner ergriff - und oft missbrauchte (wenn man bei einem Kind, das von seinem Vater eben nicht lernen konnte, wie man angemessen mit Macht umgeht, überhaupt von Missbrauch der Macht reden kann), am meisten gegenüber seinem jüngeren Bruder, dem er bei jeder Gelegenheit die Show stahl, den ich nicht gegen die Angriffe und Übergriffe des Älteren geschützt habe. Weil ich keine Autorität sein wollte, gab ich meinen Söhnen keine Orientierung (außer durch das, was ich ihnen vorlebte), setzte ihnen keine Grenzen, förderte sie, ohne zu fordern. Wenn das Klischee stimmt ,Die Liebe der Mutter hat man, die Liebe des Vaters muss man sich verdienen’, dann haben meine Söhne zwei Mütter gehabt, aber keinen Vater.

Dadurch wäre mein jüngerer Sohn fast unter die Räder gekommen. Dass er dann trotz meiner „Nicht-Erziehung“ doch noch die Kurve gekriegt hat, lag daran, dass das Leben mir meinen Erziehungsjob abgenommen hat.

Wenn man die Fehler der Eltern vermeiden will, macht man die umgekehrten.

Doch „Ende gut, alles gut“, dachte Wilfried. Ihm fiel ein Spruch ein, der mal als Spruch des Tages in der Zeitung stand: „Macht euch doch keine Gedanken darüber, dass eure Kinder nicht auf euch hören! Sie machen euch doch sowieso alles nach.“

„Anscheinend habe ich ihnen doch ein sinnvolles Leben vorgelebt“, dachte Wilfried. „Und das haben sie schließlich doch übernommen.“

Neben seinen Söhnen hatte Wilfried noch einen Bruder. Der war, obwohl er fünf Jahre jünger war, schon immer viel cleverer gewesen. Wilfried war von Geburt an stark kurzsichtig, was seine Eltern aber erst feststellten, als er in die Schule kam, daran, dass er ein Schild aus größerer Entfernung nicht lesen konnte. Wenn seine Mutter im Garten Ostereier versteckte, hatte sein Bruder schon alle weggeschnappt, bevor Wilfried auch nur eins gesehen hatte, so dass seine Mutter gezwungen war, für ihn ein paar eigene Eier zu verstecken. Onkel und Tanten sagten manchmal: „Der Wilfried, der wird einmal Professor, der Bertram, der macht einmal das große Geld.“

Als Kind war der kleine Bruder Wilfried manchmal auf die Nerven gegangen. Er wollte mit ihm spielen, aber Wilfried nicht mit ihm. Später, als Jugendlicher, hatte Wilfried ihm manchen Weg gebahnt und geebnet, hatte trotz seiner Neigung, Auseinandersetzungen zu vermeiden, notgedrungen die typischen Kämpfe um die Höhe des Taschengelds, lange Haare und vergammelte, zerrissene Jeans mit den Eltern ausgefochten, den Krieg, den der Jüngere gar nicht mehr führen musste, weil die Eltern inzwischen kampfmüde Frieden geschlossen hatten.

Alles das war lange her und bedeutungslos geworden. Die Zeit hatte ihm das Gewicht genommen. „Brecht hat Recht“, dachte Wilfried. „Wo sind die Tränen von gestern? Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?“ Seine Eltern waren inzwischen beide gestorben. Durch die Endgültigkeit des Todes waren seine Erlebnisse und Erfahrungen mit ihnen zu lebloser Vergangenheit erstarrt. Wilfried hatte doch schließlich im Laufe des Lebens vom Leben gelernt, dass Macht nicht nur eine „böse“, sondern auch eine „gute“ Seite hat, dass Macht, verantwortungsvoll eingesetzt, auch dem Leben dienen, Leben schützen kann. Die SS seines Vaters hätte ihre Gräueltaten gar nicht begehen können -jedenfalls nicht im Ausland - , wenn Frankreich und England den noch nicht aufgerüsteten Hitler bei seinen ersten unverschämten Grenzüberschreitungen sofort durch Kampf gestoppt hätten, anstatt sich vor der unangenehmen Auseinandersetzung zu drücken. Sein Vater war auch im Alter gar nicht mehr der gewalttätige Mann der früheren Jahre gewesen, sondern ein durch seine Enkel zur Milde erzogener liebevoller Opa. Und in seinen letzten Lebensjahren war er nicht einmal mehr der vor Gesundheit strotzende, starke, mitten im Leben stehende Mann aus Wilfrieds Kinder- und Jugendzeit gewesen, sondern ein hilfloses Häufchen Elend, ausgeliefert dem Krebs, einer Macht, der gegenüber er völlig machtlos war.

Nach dem Tod der Mutter, die den Vater sechs Jahre überlebt hatte, hatte Wilfried die Erbangelegenheiten mit seinem Bruder in unvoreingenommener Fairness und unbefangener Selbstverständlichkeit regeln können. Seitdem gab es nichts mehr, was ihn zwangsweise an ihn band. Ab und zu sah er ihn, freiwillig, weil er inzwischen ganz gern mit ihm zu tun hatte, bewusst gewählt und gewollt. Es hatte sich in den letzten Jahren ergeben, dass seine Frau und er jedes Jahr ein paar Urlaubstage mit ihm und der Schwägerin verbrachten, und diese gemeinsamen Tage waren bisher alle heiter und unbeschwert gewesen.

Seine Söhne standen inzwischen beide auf eigenen Füßen und mit ihren Beinen mitten im Leben. Der Ältere, Julius, hatte geheiratet, eine Richterin am Amtsgericht, und hatte ihn vor drei Jahren zum Opa einer niedlichen, hübschen kleinen Enkelin gemacht. Auch der Jüngere, Daniel, hatte nach seinen Um- und Irrwegen inzwischen seine Ausbildung zum Heimerzieher abgeschlossen. Er zog zwar die Ungebundenheit des Single-Daseins der verpflichtenden, verbindlichen Nähe einer festen Partnerbeziehung vor, kümmerte sich aber mit großem Verantwortungsgefühl und rührender Fürsorge um die ihm anvertrauten Behinderten und um Arno, seinen großen Bernhardiner. Beide Söhne kamen ab und zu allein oder mit Anhang zu Besuch oder wurden von seiner Frau und ihm besucht, für Wilfried häufig genug. Und er freute sich, wenn sie zu ihm kamen und er zu ihnen, und er freute sich auch darüber, dass sie ja irgendwann auch wieder gingen und auch er irgendwann wieder gehen konnte. „Wenn ich ihnen gegenüber als Vater etwas versäumt habe, ist es jetzt nicht mehr nachzuholen“, dachte Wilfried. „Und anscheinend hat es sie ja nicht daran gehindert, insgesamt lebenstüchtige Menschen zu werden, die wissen, was sie wollen und was sie können.“

Seine Frau und er, das war übrig geblieben, das war noch wichtig. Das konnte noch gelebt, gestaltet werden. Das wollte er auch noch leben.

Wilfried griff nach dem Büchlein, das vor ihm auf dem niedrigen Glastisch lag, und schlug darin das Gedicht „Alles getan, alles gescheh’n“ auf, das sein Freund Rudolfo Kithera vor ein paar Jahren geschrieben hatte:

„Wenn alles gesagt ist und getan ist, gibt es nichts mehr zu bereu’n“ stand da.

Und

„Wenn ich weit das Ganze schaue, nicht Stückwerk mit beschränktem Blick, seh’ ich freudig auf mein Leben, sehe ich mit Dank zurück.“

Wilfried schlug den Gedichtband zu, und damit auch das Buch seiner Vergangenheit. Er stand auf. In einer Stunde würden die ersten Gäste da sein. Es war Zeit, den Sekt kalt zu stellen.

Anmerkung:

Das Enneagramm ist eine spirituelle Persönlichkeitslehre, nach der es neun grundlegende Persönlichkeitsstrukturen gibt. Jeder dieser „Charaktertypen“ weicht durch Festhalten an einem für ihn wesensbestimmenden „Laster“ von der idealen Persönlichkeit ab und hat dementsprechend die Lebensaufgabe, durch Loslassen und Überwinden dieser „Schwäche“ sich zu einem vollkommenen Menschen zu entwickeln.

Bei Wikipedia findest du, lieber Leser, einen recht nützlichen einführenden Überblick zum Enneagramm.





Für Kinder von Müttern, die Mütter von Kindern sind:

Eine Mutter haben, eine Mutter sein


Wenn du darüber klagst und trauerst,

dass deine Mutter leider nicht mehr lebt,

dass du sie nicht mehr bei dir, um dich hast,

dann mache dir doch tröstend etwas klar:

Dass ja ihr Bild in dir immer noch da ist,

dass du ja das gar nicht verloren hast,

dass du es auch gar nicht verlieren kannst,

als reichen Schatz, der sich nie aufbraucht,

auf den du Zugriff hast zu jeder Zeit,

weil er in dir liegt, jetzt für dich erreichbar,

als Quelle, nicht versiegend sprudelnd,

von Mut, Vertrauen, Sicherheit und Kraft.


Wenn deine Mutter tatsächlich noch heute lebte,

dann wäre sie für dich nicht mehr die beste Mutter,

könnte auch gar nicht mehr die beste Mutter sein.

Dich vor Gefahren schützen, auf dich achten, für dich sorgen,

sich um dich kümmern, dich wohlwollend halten, tragen, stützen,

stärken nicht nur durch Fördern, auch durch Fordern,

kann heute niemand mehr so gut wie du.

Sei also selber für dich eine gute Mutter!

Sei für dich selbst die beste Mutter, die es gibt!


Wenn du verbittert dich beklagst darüber,

dass deine Mutter keine „gute“ Mutter war,

dass du nie eine „richtige“ Mutter hattest,

dann ändere doch den Ort, von dem du schaust!

Dann sieh, dass du ja selber eine Mutter bist,

du ja auch selber eine „gute“ Mutter sein kannst.

Dem großen Lebensganzen ist alleine wichtig,

dass Mutter-Sein von jemandem gelebt wird;

ob nun von deiner Mutter oder von dir selbst,

das ist ihm gleich, das ist ihm gleich viel wert.

Und auch für dich ist es nur wichtig, zu erleben,

dass eine Mutter wirklich da ist für ein Kind.

Bedeutsam ist es, dass im Welttheater,

das Stück gespielt wird, dessen Titel heißt:

„Ein Kind, das glücklich ist mit seiner Mutter,

und eine Mutter, glücklich mit dem Kind.“

Und dabei ist natürlich für dich wichtig,

dass du auch selber mitspielst auf der Bühne,

nicht nur als Zuschauer das Stück erlebst.

Doch kommt es nicht drauf an, in welcher Rolle,

ob du dabei als Mutter glücklich bist oder als Kind.



Kommentar:


Lebe in dem, was ist, was da ist:

Was noch da ist,

was schon da ist,

was jetzt da ist,

was immer da ist!


Versuche nicht,

in dem zu leben,

was nicht mehr da ist,

noch nicht da ist,

was nie da war,

nie da sein wird!


In dem, was nicht ist,

kannst du auch nicht leben.



Dass man sich unglücklich macht, wenn man versucht, in dem zu leben, was nicht mehr da ist, zeigt folgende Geschichte:


Landgut und Stadthaus

Stell dir vor, lieber Leser, du besitzt irgendwo ein großes Landgut. Du lebst mit deiner kleinen Familie, deiner Frau (deinem Mann) und zwei kleinen Kindern, in einem großzügigen Herrenhaus, das von einem weiträumigen Park im englischen Stil umgeben ist. In den Stallungen stehen deine eigenen Pferde, und jeden Morgen reitest du aus durch den Wald, der auch noch zu deinem Grund und Boden gehört. Eines Tages jedoch bricht ein Krieg aus, der siegreich vorrückende Feind besetzt das Gebiet, in dem auch dein Landgut liegt. Du musst mit deiner Familie fliehen, in die von einer dicken hohen Mauer geschützte Stadt, und erinnerst dich in diesem Augenblick daran, dass du ja dort auch noch ein Haus hast, um das du dich schon längere Zeit gar nicht mehr gekümmert hast. Du fährst also mit dem Planwagen, den du mit dem wertvollsten und wichtigsten Hab und Gut beladen hast, durch das Haupttor in die Stadt und biegst in die Straße ein, in der dein vernachlässigtes Stadthaus liegt. Als du dich deinem neuen Zu-Hause näherst, siehst du auf der linken Seite der Straße einen kleinen Platz, auf dem ein paar schattenspendende Bäume stehen und der von einer Schar Tauben bevölkert wird. Als du dein Haus betrittst, merkst du, dass sich der Staub von Monaten in den Räumen angesammelt hat; es riecht abgestanden und muffig, weil schon lange nicht mehr gelüftet worden ist, und in den Ecken haben Spinnen ihre Netze gewoben. Die unbewohnten Zimmer wirken kalt und sind fast leer, werden nur von wenigen Möbelstücken gefüllt, die irgendwo verloren herumstehen. Als du einen Blick in den Garten wirfst, siehst du, dass er verwildert ist und lebenskräftiges, wachsfreudiges Unkraut die meisten Blumen und Stauden überwuchert hat. Nur in einer Ecke haben sich drei schöne Sonnenblumen behauptet.

In dieser Lebenssituation hast du nun die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, weiter zu leben. Die erste besteht darin, dass du dich nicht mehr als unbedingt notwendig darum kümmerst, wie du in deiner neuen Umgebung leben kannst und willst. Du stellst nur schnell irgendwo die wenigen Habseligkeiten ab, die du aus dem Landgut retten konntest, sorgst dafür, dass du irgendeinen Schlafplatz für die Nacht bekommst. Und dann eilst du sofort zur Stadtmauer, steigst auf einen Turm, von dem du dein Landgut, das in Sichtweite der Stadt liegt, sehen kannst, und starrst ununterbrochen auf dein „verlorenes Paradies.“ Du siehst dann, dass die Feinde gerade dabei sind, deine Obstbäume zu fällen, um daraus Brennholz für den Kamin zu machen, und dass der Kommandant der feindlichen Truppen gerade eines deiner Pferde besteigt, um damit durch deinen Wald zu reiten. Erst als es dunkel geworden ist und du nichts mehr sehen kannst, kehrst du niedergeschlagen und schwerfällig, als hätte man dir dicke Bleikugeln an die Füße gebunden, in dein Stadthaus zurück, dem du nach wie vor keine Beachtung schenkst. Du lässt dich nur auf dein provisorisches Nachtlager fallen und kannst, obwohl du vom schweren Kummer ermüdet bist, lange nicht einschlafen, weil die Erinnerungen an das, was du vom Turm aus gesehen hast, dich nicht zur Ruhe kommen lassen. Am nächsten Morgen steigst du, sobald es hell geworden ist, wieder auf die Stadtmauer und bleibst dort bis zum Einbruch der Dunkelheit. Und dieser Tagesablauf wiederholt sich, bzw. du wiederholst ihn, Tag für Tag, immer wieder, immer wieder das Gleiche.

Die andere Möglichkeit, weiterzuleben, die du wählen kannst, besteht darin, dass du dir sagst: Auch wenn es schmerzvoll ist, ich muss den Mut haben, den Tatsachen ins Auge zu sehen, die Wirklichkeit so zu akzeptieren, wie sie ist. Das Landhaus ist verloren, für eine Zeitspanne, die ich nicht einschätzen kann, oder sogar für immer. Es ist für mich nicht mehr da, und in etwas, was nicht da ist, kann man nicht leben. Man kann nur in etwas leben, was ist. Das Landgut ist nicht mehr da, aber dieses Stadthaus hier, das ist noch da. In ihm muss ich jetzt leben, und ich kann auch darin leben, weil das, was jetzt schon da ist, als Anfang genug ist und man mehr daraus machen kann. Dieses Stadthaus ist nicht mein prächtiges Herrenhaus drüben auf meinem Landgut, aber es ist immer noch geräumig genug, hat mehr Räume, als ich brauche und sogar mehr, als ich mit dem wenigen Hab und Gut, was mir geblieben ist, füllen kann. Die Zimmer sind groß genug, dass man sich darin frei bewegen kann, und viele Fenster lassen das Licht herein. Ich muss nur die Vorhänge zurückziehen und die Holzblenden öffnen. Wenn ich mal richtig durchlüfte, riecht es auch bald nicht mehr muffig. Frische, gesunde Luft aus dem Garten strömt dann herein. Ich nehme dann die paar Möbelstücke, die Stühle, kleinen Tische und die antike Kommode, die ich aus dem Landgut retten konnte, und richte mich damit so gut wie möglich ein. Gut, das gibt dann immer noch nicht die elegante, geschmackvolle Einrichtung drüben im Herrenhaus, aber ich kann es mir schon einigermaßen gemütlich machen - doch, ich kann es mir gemütlich machen. Dann bringe ich mal wieder Ordnung in den verwilderten Garten, entferne das wuchernde Unkraut und schaffe dadurch den Blumen wieder Raum, in dem sie wachsen können. Als Nächstes nehme ich von den Samen der drei Sonnenblumen einen Teil und säe ihn aus, damit ich mich im nächsten Jahr schon an vielen Sonnenblumen erfreuen kann. Den Rest der Samen verwende ich dafür, die Tauben auf dem kleinen Platz mit den paar Bäumen zu füttern. Sicher sind diese kleinen Vögel nicht meine prächtigen Pferde, aber auch sie sind liebenswerte Geschöpfe, die leben, lebendig sind und sich lebhaft bewegen, und es macht Spaß, ihnen zuzusehen. Und diese paar Bäume sind nicht mein großartiger Wald drüben auf dem Landgut. Aber auch sie spenden wohltuenden Schatten, Schutz vor der Hitze der Mittagssonne.


Salz da suchen, wo es ist

Manche Menschen leben in dem, leben für das, was nie da war, weil sie glauben, nicht damit leben zu können, dass es nie da war, nicht damit sterben zu können, dass es nie da war. Sie bemühen sich daher krampfhaft darum - natürlich meistens vergeblich -, dass es doch noch kommt. Es gibt Töchter, die ihr Leben lang sich ein Bein ausreißen, um doch noch von der zwar nicht lieblosen, aber doch recht liebesarmen Mutter, für die es immer nur die jüngere Schwester gab, etwas Liebe zu bekommen, und es gibt Söhne, die bis zu dessen Tod der Anerkennung durch den Vater hinterherrennen, der sie immer nur als Versager beschimpft hat.

Sie verhalten sich wie jemand, der Salz sucht. Er steht am Meer, und es wäre ganz einfach, das ersehnte Salz zu bekommen. Er müsste nur ein paar Steine nehmen, damit ein kleines Stück vom Meer abtrennen. Dann müsste er nur noch warten, müsste gar nichts mehr tun, bis die Sonne das abgetrennte Stück ausgetrocknet hat. Dann hätte er Salz in Hülle und Fülle. Statt dessen hat er es sich in den Kopf gesetzt, dass doch auch unter den Dünen, die den Strand begrenzen, Salz zu finden sein muss, steigt auf eine Düne - ausgerechnet auch noch die höchste - und gräbt mit viel Schweiß einen senkrechten Schacht in die Düne, um irgendwann mal das Grundwasser zu erreichen. Er findet schließlich dort auch Wasser, jedoch nur, um festzustellen, dass es Süßwasser ist, das gar kein Salz enthält. Und anstatt aus dieser Erfahrung die einzig sinnvolle Konsequenz zu ziehen, dass er sich wohl auf dem Holzweg befindet, weigert er sich, aufzugeben, und gräbt zwei Meter daneben den nächsten Schacht in die Düne, natürlich mit demselben Ergebnis, so lange, bis die Düne fast nur noch aus Schächten besteht und es kaum noch Platz gibt, um noch einen Schacht mehr zu graben.

Er könnte doch sein Salz so einfach haben. Er müsste nur nicht länger an dem festhalten, was sinnlos ist, müsste das loslassen, was nicht möglich ist. Er müsste nur das aufgeben, was ihm nur Leiden schafft. Er könnte doch so einfach Salz da finden, wo es auch zu finden ist.

Die Frau, die der Liebe der Mutter nachrennt, hat vielleicht einen liebevollen Mann, der sie liebenswert und liebenswürdig findet, Kinder, die sie innig lieben, und ist beliebt in einem großen Freundeskreis. Der Mann, dem nur die Anerkennung durch den Vater wichtig ist, hat vielleicht eine Frau, der durchaus bewusst ist, was sie an ihm hat, genug Kollegen, die viel von ihm halten, und Kinder, die in ihm ein Vorbild sehen. Es wäre für beide so leicht, zu finden, was sie suchen. Sie müssten es nur suchen, wo es ist.







Das Körperschiff


Einen Körper zu haben, ein Körper zu sein, das bedeutet:

„Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff“ (Udo der Ältere).

Das Schiff wird vielleicht in einem Sturm schwer beschädigt.

Das Schiff läuft vielleicht auf ein Riff.

Dann liegt es in der Werft.

Dann muss es repariert werden.

Meistens kann es auch repariert werden.

Dann fährt es wieder.

Dann ist wieder alles im Griff.

Dann ist „mal wieder alles klar auf der Andrea Doria“. (Udo der Jüngere)


Irgendwann kann es nicht mehr repariert werden.

Irgendwann ist es ein Wrack.

Irgendwann wird es sinken.

Das ist sicher.

Doch bis dahin fährt es.

Bis dahin ist wieder alles klar auf dem Schiff,

ist immer mal wieder alles im Griff.


Daher:

„Volldampf voraus auf das nächstbeste Riff“ (Udo der Ältere)


(Zitate von Udo Jürgens und Udo Lindenberg)








2006 verbrachten meine Frau und ich unseren Sommerurlaub auf Ischia. Eines Tages liefen wir ein Stück ins Hinterland zu einem Anwesen, wo ein Österreicher um sein Wohnhaus herum einen kleinen Park angelegt hatte, der öffentlich zugänglich war. Ein sogenannter „Philosophenweg“ versprach, durch eine vielfältige Mittelmeervegetation zu führen, an Weinstöcken, Pinien, Bambus, Orangen- und Ölbäumen vorbei und hindurch. Wir folgten der Einladung und merkten schon bald, wie der schmale, gewundene Pfad zu seinem Namen gekommen war. Ab und zu war am Wegrand ein Schild aufgestellt, auf dem ein knapper, sinnreicher Spruch geschrieben stand. Einen dieser Sprüche hab’ ich behalten, und er hat mich zu dem nun folgendem Gedicht angeregt:



Beim Ölbaum


Einmal fand ich

auf dem „Pfad der Philosophen“,

der Geliebten der Weisheit,

beim Ölbaum,

dem Zeichen des Friedens,

uralt, knorrig,

mit silber-grauem Blattwerk,

ein Schild

mit Worten der Weisheit:

„Ich jammerte und klagte,

weil ich keine Schuhe hatte,

bis ich einen sah,

der keine Füße hatte.“


Kommentar:

Der Dalai Lama soll dieselbe Weisheit mal mit anderen Worten gesagt haben:

„Wenn dir ein Vogel aufs Hemd kackt, ärgere dich nicht!

Freu dich, dass Kühe nicht fliegen können!“







Rosten, rasen, rasten


Besser abhauen als hauen

Lieber kratzen als abkratzen


Besser saufen als absaufen


Lieber einen Hasen, den es gibt, nicht seh’n,

als einen Hasen seh’n, den es nicht gibt


Besser rasen als rosten

Lieber rasten als rasen


Besser mit-denken als nach-denken

Lieber vor-denken als mit-denken


Lieber das Leben annehmen

als sich das Leben nehmen




Kommentar:


Rasten liegt auf halbem Weg - ist die Mitte - zwischen Rosten und Rasen.

Was ist besser als was? Das ist die Frage am Anfang. Gibt es am Ende die Antwort: Das ist gut?

Oder bleibt „das ist besser“ auch die Antwort am Ende, weil es die Antwort „das ist gut“ nicht gibt?


Einmal fragte ihn einer von den Obersten des Volkes: „Guter Meister, was muss ich tun, um des ewigen Lebens teilhaftig zu werden?“ Und Jesus sprach zu ihm: „Warum nennst du mich gut? Keiner ist gut außer dem göttlichen Vater allein.“ (Lk 18,18)

Eines Abends fragte Specht: „Was ist der Mittlere Weg?“ „Gute Frage“, entgegnete Meister Rabe. „Ihr weicht meiner Frage aus“, sagte Specht. „Du weichst meiner Antwort aus“, sagte Meister Rabe. ( Robert Aitken, Zen-Meister Rabe )


Lass eine Frage einfach als Frage stehen! Suche nicht nach einer Antwort! Freu dich, eine Frage zu haben! Dann ist die Frage selber eine Antwort.






Am Ende


Die Schulter - schmerzhaft gedrückt durch überschwere Last -,

die Haut - von wuseligem Treiben aufgerauht -,

das Herz - von wirrem Unfug wund gerieben -,

sie müssen sich erst wieder neu er-heilen.

Die müde Seele weint um den verlorenen Frieden.

Geschwächt von Reisefieber und in Bilderflut ertrunken,

sehnt sie sich - an das Kreuz der Zeit geschlagen -,

nur noch danach, dass alle Uhren endlich stille steh’n,

will nur noch flüchten aus dem Lärm und Wahn der Welt.


Doch ist es oft gar nicht die Welt, die Leiden schafft.

Es sind die eigenen Wünsche, Leiden-schaften und Begierden.

Die Welt ist schuldlos, tut von sich aus nichts;

sie ist nur unbefangen einfach, wie sie ist.

Sie kann mir meinen Frieden nur dann rauben,

wenn ich ihn leichtsinnig und fahrlässig verspiele,

schon selber aufgegeben habe ohne Not.

Der Krieg drängt sich nicht ungerufen, ungebeten auf.

Ich selber zieh’ freiwillig in den Krieg -

von niemandem und nichts dazu gezwungen.


Du bist geschafft vom Druck, den du alleine

und völlig un-nötig dir selber schaffst.

Du bist erschöpft vom Tanzen um das „Goldene Kalb“,

den Götzen, den du selbst für dich gemacht hast,

weil du nicht sehen willst, dich selber täuschend,

dass du am Schluss von ihm ent-täuscht sein wirst,

dann, wenn du weißt, dass er doch nicht gehalten,

dass er auch gar nicht halten konnte,

was du dir einst von ihm versprochen hast.

Verlier dich nicht im Zwang, schaffen zu müssen,

verkrampft im oft vergeblichen Bemüh’n!

Finde zurück zu dir, indem du was erschaffst!

Finde dich wieder selbst in dem, was du erschaffst!

Sei freier Schöpfer, ruhend im Erschaffen,

darin, dass du und wie du jetzt erschaffst!

Werde kein Sklave der Geschöpfe,

angstvoll gekettet an die Frage,

ob und wie schnell du etwas schaffst!


Such’ in der Welt nicht hohle Götzen,

die eigen-willig du dir schaffst -

Erfolg und Reichtum, Macht und Anseh’n!

Finde in ihr statt dessen einfach,

lass ungewollt durch dich entsteh’n,

was Gott gewollt, was Gott gemacht hat,

was Gott durch dich erschaffen will!


Kommentar:

„Was ist denn das, was Gott durch mich erschaffen will?“

wirst du mich vielleicht fragen, lieber Leser.



Das unbeschwerte Lachen im Gesicht des kleinen Kindes,

mit dem ich unbefangen ausgelassen balge;

die lächelnden, von Last befreiten Augen meines Freundes,

den ich nicht selbstgerecht ver-urteile,

dem ich nicht rache-süchtig übel nehme,

was er - verführt von seinen Götzen - (mir) getan hat;

den ungestörten Frieden zwischen mir und Anderen,

deren zu schnell gesagte Worte ich schlicht überhöre,

weil sie bedeutungsloser Unsinn sind - nichts sonst -

einfach für mich nicht brauchbar und deshalb nicht wichtig;

die Dankbarkeit des schwach gewordenen Alten,

für den ich trage, was er nicht mehr tragen kann;

dem ich dankbar bin dafür, dass er mir dankbar ist,

so wie ich auch mir selber danke dafür,

dass ich ihm etwas geben konnte,

für das er mir nun danken kann;

dass ich bereitwillig als Werkzeug dazu diene,

dass sich das Leben großzügig dem Leben schenkt,

genau das ist, was Gott durch mich erschaffen,

was Gott durch mich geschehen lassen will.


Mit den Worten der erhabenen Bhagavad-Gita gesagt:

„So, wie der Unwissende handelt aus Begehren,

so soll der Weise tätig sein zum Wohl der Welt.“


Freudiges Lachen und glückliches Lächeln,

annehmen und nicht schuldig sprechen,

sich achten in Frieden, begegnen als Freunde,

großherzig offen und dankbar sein

für Nehmen- wie für Geben-Können,

genau das ist das Wohl der Welt.

Wer denkt, das sei doch nicht genug,

wer es noch in was Anderem sucht,

folgt oft (nicht immer!) einem Götzen.







Im Stadttor


Ich hab’ gehofft, dass alle Türen

sich irgendwann von ganz alleine schließen,

hab mir gesagt: Dann kann ich endlich geh’n.

Für jede Tür jedoch, die sich von selber schloss,

öffnete sich immer wieder eine neue.

Ich wartete sehr lange, bis ich endlich einsah,

dass ich die Türen selber schließen

und einige auch offen lassen muss.


Jetzt zieh’ ich hinter mir die Haustür zu

und lasse andere Türen einfach offen steh’n,

laufe das letzte Mal durch wohlbekannte Gassen,

wie ich es ja gewohnt war Tag für Tag.

Ich geh’ bedächtig langsam durch das Stadttor,

verlasse die mir so vertraute Stadt,

schaue noch mal zurück auf oft begangene Straßen,

in denen ich auf Festen jubelte - berauscht,

auch auf dem harten Pflaster lag - betrunken.

Ich weiß: Hier werd’ ich nie mehr wohnen, nie mehr leben.

Höchstens als Gast komm ich vielleicht noch mal hierher.

Ich hab’ schon viele Städte so wie jetzt verlassen.

In keine davon bin ich je zurückgekehrt.

Das meiste hab’ ich immer da gelassen.

Ich brauchte es nicht mehr am neuen Ort.

Etwas habe ich jedoch immer mitgenommen,

aus jeder Stadt, die ich durch solch ein Tor verließ,

und trag es bei mir auf der weiteren Wanderschaft:

ein fester Stock, der Halt beim Abstieg gibt, aus dieser,

aus jener Stadt ein breiter Hut, der Schatten spendet.


Gesucht hab’ich das Ende,

konnte es nicht finden,

weil ich darauf gewartet habe, dass es kam.

Das Ende konnte jedoch gar nicht kommen,

ganz einfach deshalb,

weil es überhaupt nicht geht,

etwas gar nicht von selbst zu Ende geht.

Ich selber muss das Ende für mich setzen,

muss es erfinden, muss es mir erschaffen.

Dann ist es weg- und zeitlos plötzlich da.


Jetzt hab’ ich überrascht und staunend nicht gefunden,

das Ende, was ich doch so lange Zeit gesucht.

Ich finde - unerwartet, ungesucht, auch ungewollt -

etwas ganz Anderes: einen neuen Anfang.

Ich dreh’ mich um und laufe aus dem Schatten

des engen Tores auf das helle Licht zu,

vom frischen Wind des Morgens sanft umweht,

weg von den Mauern, die mich bisher schützten,

vor mir das weite, freie,

unsicher unbekannte Land.






Sabbatstimmung

Ich finde nun

das Voll-endete, das Voll-brachte, das Voll-kommene,

das an sein Ende Gebrachte,

das in sein Ganz-Sein Gekommene,

in dem, was jetzt schon da ist,

in dem, was schon getan ist.

Heute gibt es nichts (mehr) zu tun.

Was (noch) nicht voll-bracht ist,

kann warten bis morgen.

„Der morgige Tag wird für sich selber sorgen.“ (Mt 6,34)

Heute ruht die Welt in friedvoller Gerechtigkeit.


Ich schau zurück mit Dankbarkeit und Freude

auf Truhen, reich gefüllt seit Stunden,

die schon lang vergangen,

auf unverdiente Schätze,

nur durch Glück und absichtslos gefunden

an Wegen, die ich absichtsvoll gegangen,

die vielen Gaben, die mir großzügig geschenkt,

auf die Geschenke, die ich gab als kleine Antwort.


Ich komme an und bin nun da

und bleib’ zu Haus für alle Zeit,

wo ich schon war vor aller Zeit;

wo nichts fehlt und wo nichts stört;

wo nichts zu wenig ist und nichts zu viel;

wo kein Mangel ist und keine Mängel;

wo nichts mich weitertreibt an einen anderen Ort;

wo ich staunend ankomme

und friedensreich bleiben kann.



Kommentar:

„Groß ist der Sabbat; es ist gesagt worden, dass er gleich dem Messias sei. Und wie der Messias bei dem Herrn im Himmel war, ehe die Welt geschaffen wurde, so auch der Sabbat“. (Schalom Asch, Jesus der Nazarener)

Der Sabbat ist in der jüdischen Religion sowohl die Wiederbelebung des Urzustands vor aller Zeit als auch die Vorwegnahme der Endzeit, in der der Messias (nach Jes 9,6) herrscht für alle Zeit. Er verbindet den Anfang und das Ende, das Alpha und das Omega. Er ist nicht in der Zeit, sondern die Zeit ist in ihm. Im Sabbat ist die Zeit aufgehoben ( in der dreifachen Bedeutung des Wortes „aufheben“ im Deutschen: ungültig machen, behalten, auf eine höhere Stufe heben).



Dass man den Sabbat auch missverstehen kann, zeigt folgendes kurzes Gedicht:

Wahlsprüche eines trockenen Workoholic


Es gibt viel zu tun. Fangt schon mal an!

Schwach beginnen und dann stark nachlassen.

Ich verspreche nichts. Und das halte ich auch.